νσи αℓℓєи νєяℓαѕѕєи [9]
νσи αℓℓєи νєяℓαѕѕєи [9]
Moin ^-^
Ich hatte mal Lust ´ne Story zu schreiben. Das ist das Ergebnis (:.
Es geht um Personen aus Twilight aber natürlich auch um Zac und Vanessa.
Lest wie Vanessa nach einem schlimmen Auszug ihres Elternhauses ein neues Leben - Alleine - führt. ;D
∂ιє νєяℓαѕѕєиєи Ich gebe maximal 20 Leuten bescheid.
[1]ZaNeSsA_22//Michelle
[2]Vanessa♥♥♥
[3]Nessloves
[4]KatherinePierce//Chrissi
[5]Tia1993//Tiaa
[Cover] Ist meine 1. "Grafik" von daher.. erwartet nicht zu viel
Prolog
Es ist zum heulen.
Egal,
dass sie es mir angetan haben,
ich liebte sie sehr und nun muss ich gehen.
Freunde, Bekannte,
einfach jeden muss ich nun verlassen
und ein eigenes Leben anfangen.
Ohne Startkapital,
nur meine Sachen am Leibe.
Wie soll ich das bloß schaffen?
Ich bin verzweifelt,
weiß mir nicht zu helfen.
Das allerwichtigste bei mir.
Stumm liefen mir die Tränen runter,
die salzige Flüssigkeit schmeckte ich an den Lippen.
Wo soll ich bloß hin?
Ich hatte niemanden,
zu dem ich gehen kann.
Mein Leben
war von einer Sekunde zur anderen zerstört worden
und musste ganz unten neu anfangen.
Zerstörtes Leben
Mein Name ist Vanessa Anne Hudgens - genannt auch nur Nessa – und bin achtzehn Jahre alt und lebe mit meiner Mutter Renée und meinem Stiefvater Phil in Denver, Colorado. Hier bin ich auch aufgewachsen und mein Leben war ein Paradies. Ich hab´ Freunde, die zu einem halten und meine Mutter gab mir immer alles, was ich haben wollte, selbst wenn es ihr Einkommen nicht zuließ. Doch als Phil in ihrem Leben auftrat, veränderte sich einiges. Die Probleme fingen an. Sprach ich meine Mutter darauf an, verteidigte sie ihn. Liebe macht bekanntlich blind und in dem Fall stimmt es sogar. Sie sah einfach nicht, was Phil alles anrichtet und ließ sich von ihm unterdrücken. Seit dem geht das Leben abwärts.
Sieben Uhr. Genervt stand ich aus dem Bett auf. Ich war ein Morgenmuffel und hasste es, so früh aufzustehen. In meinem Kleiderschrank suchte ich mir meine Klamotten zusammen und ging ins Badezimmer. Dort befand sich schon das erste Problem. Seine Sachen lagen überall auf dem Waschbecken verteilt. Zahnbürste, offene Zahnpasta, seinen Rasierer auf der Ablage und die Bartstoppeln im Waschbecken. Ich bekam das Kotzen, wenn ich so etwas sah. Leider reichte das Geld nicht aus, um uns ein größeres Haus - mit einem zweiten Badezimmer für mich – anzuschaffen. Als ob meine Zeit es noch zuließe, zog ich mir schnell Putzhandschuhe an und reinigte den Bereich.
Danach musste ich mich richtig beeilen. Ich wusch mich und putzte mir die Zähne. Zog mich an und ging unsanft mit der Bürste durch meine braunen, leicht gewellten Haare. Schnell hastete ich nach unten und schnappte mir nur einen Apfel, den ich unterwegs essen konnte.
Meine Mutter war wie jeden Morgen schon aus dem Haus, um sich auf den Unterricht vorzubereiten. Sie ist Grundschullehrerin und geht ihren Job mit sehr viel Freude an. Phil ist immer der Erste, der aus dem Haus verschwand- als Kurierfahrer. Wie meine Mom sich so einen angeln konnte, weiß ich heute noch nicht. Aber ich wurde nicht gefragt und hatte mich damit hinzugeben. Mein Vater war Polizist, ist aber schon sehr früh verstorben an einer Schussverletzung. Ich hatte ihn nie wirklich kennengelernt. Ich wusste lediglich nur, wo er wohnt, was er beruflich machte und wie er aussah. Ab und zu schrieb er mir einen Brief, meistens wurden sie aber von meiner Mutter abgefangen, damit ich sie nicht zu lesen bekam. Stellte ich Fragen über ihn, wurden sie nie beantwortet. Meine Mom wollte einfach, dass ich keinen Kontakt zu ihm habe. Eines Tages wunderte es mich nur, dass er mir keine Briefe mehr schrieb. Ich hörte sieben Monate am Stück nichts von ihn. Ich sprach meine Mutter darauf an und sie sagte mir dann, dass er gestorben sei.
Aber warum wollte sie ihn mir all die Jahre verheimlichen. Ich weiß nicht, wieso sie sich scheiden lassen haben und meine Mutter so früh mit mir abgehauen ist. Allgemein wusste ich nichts und das fand ich schon immer Schade und seit fünf Jahren kann ich meinen Vater auch nicht mehr danach fragen. Und von meiner Mutter werde ich kein Wort raus bekommen.
Verdammt, jetzt sprang mein Wagen nicht an. Mein altertümlicher Wagen aus dritter Hand. Baujahr irgendwann in den Siebzigern. Da ist es verständlich, dass der nicht mehr so will wie man es sich wünscht. Mein erspartes Geld reich gerade mal für das Gestell plus Scheiben. Endlich sprang der Wagen an und ich dachte schon, ich müsse mich krank melden. Wäre nicht sehr schlimm gewesen. Mathematik, Geografie und Geschichte zählen nicht zu meinen Lieblingsfächern. Und in Sport war ich schon immer eine totale Niete. Einzig und allein die Fächer Englisch und Biologie gefielen mir. Und damit wäre der Schultag um sechzehn Uhr beendet, an denen ich dann sofort nach Hause muss, nur weil mein nerviger Stiefvater Ausgangssperre für mich erteilt hat. Angeblich hat er mich ja dabei erwischt, wie ich Drogen genommen habe und es meiner Mutter erzählt, die ihn natürlich sofort glaubte und wütend auf mich war. Daraufhin entschieden sie sich, dass sie mich strenger Erziehen müssen. Tyrannei war das A und O von Phil und meine Mutter lässt sich mitziehen. Niemals würde ich auch nur Drogen, Alkohol oder auch nur Zigaretten oder Zigarren anfassen. Alles Gift für den Körper und ich wollte um einiges länger leben. Doch wenn es so weiter geht, dann habe ich nicht mehr lange zu leben. Ich freue mich schon sehr auf die Zeit, in der ich auf ein College gehe und in einem Studentenwohnheim wohne. Weg von Phil, den Tyrannen, und seinen Intrigen.
Ich suchte mir einen geeigneten Sender im Radio. Mein Geschmack war etwas außergewöhnlich. Meine Interessen lagen nicht bei Hip Hop, R'n'B oder House, sondern bei Klassik[;D]. Es gab nichts Beruhigenderes, als wenn man den Klang von einer Geige oder einem Piano hört. Leider findet man so einen Radiosender kaum noch. Ich könnte das Ding raus reißen und aus dem Fenster werfen. Kann der Tag denn noch schlechter beginnen? Liebend gern hätte ich noch geschlafen und weiter etwas von der großen Liebe geträumt. Gibt es sie überhaupt? Ich zweifle daran. Würde es sie geben, würden nicht so viele Scheidungen stattfinden. Ich würde gerne daran glauben. Nie habe ich geliebt und auch nie hatte ich einen Freund. Viele haben einfach nur noch Sex-Affären. Selbst meine Freunde stehen nicht auf die wahre Liebe und haben lieber ihren Spaß. Aber kann das überhaupt richtiger Spaß sein, wenn keine Gefühle für den Mann im Spiel sind? Ich stelle mir das schlecht vor. Ich könnte nur mit jemanden schlafen, den ich auch vertraue und liebe. Dem ich mich öffnen kann und der von meinen Geheimnissen weiß. Nein, so einen Mann wird es nicht in meinem Leben geben. Ich bin viel zu vorsichtig und misstrauisch, sodass ich jemanden kennenlernen könnte. Und wer will mich schon haben? Ich bin unsportlich, sehe durchschnittlich aus und laufe auch nicht den Trends hinterher. Und vom Charakter möchte ich nicht reden.
Gibt es überhaupt einen Mann, der nur auf den Charakter aus ist? Dem das Aussehen egal sein sollte? Ich bezweifle es. Ein Blick in der Schülermenge reicht aus und man sieht, wie oberflächlich die Beziehungen heut zu Tage sind. Viele sind zusammen – bei den ein oder anderen kann ich nicht verstehen wieso, da manche schlimmer aussehen als ich -, nur aus körperlicher Lust heraus. Und ich befürchte, dass es auch bei Phil so sein wird. Nachts kann ich oft nicht schlafen, dann höre ich sie. Es ist peinlich und ich würde gern im Erdboden versinken wollen. Unstillbarer Durst nach sexuellen Verlangen. Ist Sex wirklich so schön wie jeder behauptet? Vielleicht sollte ich das auch mal ausprobieren. Oh Gott. Die Vorstellung allein, dass mich ein Mann nackt sehen könnte, trieb mir schon die Röte ins Gesicht. Er würde abhauen. Und nachdem ich meine Mutter immer hören muss, ist dieses Verhältnis schon sehr gestört. Niemals werde ich mich jemanden so nähern können ohne meine Mutter im Gehirn zu haben. Schrecklich. Die versauen mir mein ganzes Leben. Aber eine Familie möchte ich nie haben. Dafür strebe ich zu sehr eine Zukunft als Dolmetscherin an. Ich würde wohl viel Reisen und da bliebe mir keine Zeit für ein Mann, geschweige denn Kinder. Warum sich also Gedanken darüber machen? Bisher kam ich immer gut zurecht und Sehnsucht nach einen Partner hatte ich nie. Ganz im Gegenteil, ich fand es immer abscheulich zu wissen, dass ich einen Mann gehören könnte. Warum sollte ich einen haben? Wenn ich mit jemanden sprechen will, hab ich meine Freunde. Und meine beste Freundin kennt meine Geheimnisse, dafür brauche ich keinen unbrauchbaren Kerl, der sowieso keinen Verstand hat. Für mich sind sie einfach nicht zu gebrauchen und was man mir bisher angetan hat, besonders die männlichen Wesen, habe ich gar kein Vertrauen zu ihnen. Von meinen Vater verlassen, diskriminiert von Phil. Nie hatte ich eine männliche Bezugsperson und werde auch nie eine brauchen.
Meine Freundinnen Brenda und Ashley standen schon an de gewohnten Platz, auf welchen ich immer parke. Beide grinsten schon keck und ich frage mich gerade, was es an einem Montag Morgen denn so zu grinsen gäbe? Für mich war Freitag immer ein guter Tag. Endlich Wochenende, freie Tage und weit weg von meinen Eltern. Nur schleppend stieg ich aus den Wagen aus und betrat das Gelände meiner persönlichen Hölle.
Beide kamen gleich angesprungen und zogen mich in einer Umarmung. Ja, ich hab es nicht so mit Gefühlen. Konnte sie noch nie offen zeigen. Ich kann sie nicht mal beschreiben, aber bei den beiden fühle ich mich doch irgendwie zu Hause. Einfach wohl und bisher haben sie mein Vertrauen nie missbraucht.
„Hey.“, begrüßte ich sie. Sie ließen von mir los und schauten mich immer noch lächelnd an. Irgendwie war es ansteckend. Auch auf meinem Gesicht zauberte sich ein Lächeln.
„Wir müssen dir dringend etwas sagen.“, begann Brenda und hackte sich sogleich unter meinen Arm ein. Wir liefen auf den Haupteingang zu, während ich direkt in der Mitte von den beiden stand. Na dann werde ich mal gespannt sein, was mir die beiden zu sagen haben. Ich hab denen auch etwas zu sagen. Die frohe Botschaft, dass ich gleich an einem anderen Ende vom Land ziehen werde um an ein renommiertes College zu studieren. Das Beste, was mir je passieren konnte - die Zusage.
Ein ziemlich beschi*ssener Tag
Brenda und ich setzten uns in die hintersten Reihe des Matheraumes. Ashley saß wie immer vor Brenda. Bin ich froh, diesen Klassenraum bald endlich hinter mir lassen zu können. Überall an der Wand hingen Geometrieformeln. Oder der Aufbau einer Pyramide oder andere Formen. Mister Lancester hatte es eindeutig mit Geometrie. Arithmetik, Wahrscheinlichkeitstheorien oder Gleichungen nahm er nie durch. Ein Glück, dass der Typ noch nicht da war. Heute schien er sich ziemlich zu verspäten. Macht aber nichts. Sind es wenigstens keine volle fünfundvierzig Minuten bis zum Unterrichtsschluss. So konnten meine Freundinnen und ich noch ein wenig tratschen.
„Was habt ihr mir denn zu sagen?“
„Du erinnerst dich doch sicher an Dan und Brad erinnern? Jedenfalls haben wir am Freitag ein Doppeldate mit ihnen.“ Dan und Brad? Die Oberloser der Schule. Dan, schwarze kurze Haare, schalksige Figur und etwas kleiner. Aktiv im Schachklub. Brenda steht schon eine Ewigkeit auf den, hat sich aber nie getraut den zu fragen. Und Brad mit seinen Schmalzlocken war genauso wenig attraktiv. Dazu auch noch stabil gebaut und wartet nur darauf, endlich eine Frau zu bekommen, die er flach legen kann um nicht als Jungfrau von der High School zu gehen. Ich hätte mir ganz sicher jemand anderes ausgewählt, aber nicht die beiden.
„Schön für euch.“, entgegnete ich nur sarkastisch.
„Du solltest dir so langsam auch einen Mann suchen.“ Wenn sie wüsste, dass ich gar keinen Mann brauche. Ich komme auch ohne Typen klar und deren Machogehabe kann ich nicht gebrauchen. Jeder prahlt doch dicke Eier zu haben und dahinter versteckt sich nichts. Große Klappe, aber nichts dahinter.
„Könnt ihr mir verraten, was ich mit einem Kerl soll?“
„Du musst doch auch die Sehnsucht nach Küssen und Sex haben.“
„Brenda, wenn ich mich richtig verlieben sollte, dann schon. Aber dies ist nicht der Fall und nur aus einer Laune heraus, werde ich mir keinen Mann anschaffen. Mir ist es doch egal, wenn ich als einzige Jungfrau von der Schule gehe. Ich bin jedenfalls nicht scharf darauf, mir irgendeinen Typen zu angeln.“
„Willst du denn nicht auf dem Abschlussball gehen?“ Für mich ist das die sicherste Lösung. Keinen Ball, keine Verletzungen. Ich habe mir in den letzten zwei Monaten eine Handverstauchung und einen Fußbruch zugezogen. Mein Talent – sämtliche Verletzungen aller Art zuzuziehen und immer über meine eigenen Beine zu fliegen. Tanzen wäre da so keine gute Idee.
„Ich kenne den Gesichtsausdruck. Du wirst auf jeden Fall bei dem Ball dabei sein.“, protestierte Ashley.
„Werde ich nicht. Du solltest doch meine Abneigung gegenüber Männer und besonders Tanzen kennen. Keine gute Idee dort aufzutauchen und schon recht nicht allein. Und da es hier keine nennenswerte Männer gibt, wird das sowieso ausfallen.“ Für mich war das Thema beendet. Der Lehrer kam auch endlich rein. Dann kann der Tag ja beginnen.
Mathe. Die reinste Qual. Wen interessiert das schon, wie man einen Kegel oder eine Pyramide berechnen kann? Das werde ich nicht gebrauchen. Und wen interessiert sein Gelaber schon? Der Typ ist die reinste Schlaftablette und so was soll verheiratet sein und Kinder haben? Die Familie tut mir sehr leid. Besonders die Kinder. Wahrscheinlich kriegen sie jeden Tag alles mögliche über Mathematik im Kopf geprügelt.
Ich trennte mich von meinen Freundinnen, da ich nun allein Unterricht bei Ms. Brocksteen habe. Das Nächste Fach, welches ich mit voller Abscheu aus tiefstem Herzen angehe. Geographie. Doch das war halbwegs wichtig für mich, wenn ich später als Dolmetscherin arbeiten möchte. Schließlich muss ich doch etwas über die Landsleute wissen. Mein Platz führte mich wie auch in Mathe in die letzte Reihe am Fenster. Schöne Aussicht auf den Schulhof und den kleinen Mini-Park mit Bänken. Dort saß ich in den Pausen gerne und nur den Seniors war es erlaubt, dort Platz zu nehmen. Der Rest hatte sich entweder an die Cafeteria oder an den Schulhof zu halten. Nur fünf Schüler der Juniors waren dazu auserwählt, eine Stunde am Tag den Park sauber zu machen. Meist in der letzten Stunde. Auch ich hatte mal zu den Opfern gehört. Sklavenarbeit – den Müll von anderen aufzuheben, den Park allgemein sauber zu machen, den Rasen zu mähen und wenn etwas beschädigt ist durch irgendwelche Stifte oder Sprühfarbe, es zu reinigen. Soll angeblich ein Projekt zum Erlernen von sozialer Arbeit sein. Was ist denn daran bitte schön sozial? Es klärt wesentlich auf, die Umwelt in Sauberkeit zu halten. Um es den Kleinen nicht so kompliziert zu machen, werfe ich meinen Müll immer brav im Mülleimer und beschmutze auch keine Gegenstände. Ich sitze lediglich dort, um mal von jemanden die Hausaufgaben abzuschreiben oder sie zu machen. Man wird dort nicht von den Lehrern erwischt. Hat so seine Vorteile.
Was war ich froh, als der Tag endlich zu Ende war. Jedes Fach heute war die Hölle. Lehrer sind selbst schlecht gelaunt, weil sie wieder den lästigen Schülern gegenüber treten mussten. Geographie – Lateinamerika. Geschichte – Bürgerkrieg. Sport – Basketball und mehrere blaue Flecken zusätzlich. Englisch – Grammatikwiederholung. Und Biologie – Gewebeaufbau. Erst werde ich doof angemacht, nur weil ich aus dem Fenster starre und mir keine Notizen mache. Dann werde ich aus der Klasse geworfen, weil ich mich mit Ashley unterhalten habe und dabei erwischt wurde. Anschließend fliege ich die Treppen hoch und falle unter dem Gelächter der Schüler. Kann es denn noch schlimmer werden? Und nun habe ich nicht nur blaue Flecken, sondern auch eine schlimme Migräne. Der pulsierende Druck an den Schläfen verminderte meine Sicht. Da der erste Stress vorbei war, kann ich mich gleich auf den zweiten vorbereiten. Meine Mutter wird sicherlich schon zu Hause sein. Auf Phil brauche ich nicht warten. Der kommt wie üblich erst um achtzehn Uhr.
Meinen alten schwarzen VW parkte ich vor der Haustür und stellte den Motor aus. Ich klaubte meine Sachen zusammen. Bevor ich ausstieg, atmete ich noch einmal tief ein und aus. Ich brauchte noch einen kleinen Moment für mich. Bitte, lieber Gott, lass den Tag heute angenehm werden. Im Unterbewusstsein wusste ich aber, dass das nicht der Fall sein wird. Mich erwarten jetzt die schlimmsten Stunden des Tages. Meine Mutter allein war kein Problem. Meistens sprach ich sie auf Phil und meine Probleme gegenüber ihn an, doch sie stand zwecklos auf seiner Seite. Dadurch wird sie immer wütend und schickt mich rauf auf mein Zimmer. Nach fünf Minuten gehe ich wieder nach unten und erledige den Haushalt und koche anschließend. Dann gehe ich duschen. Danach mache ich meine Hausaufgaben und lege mich dann schlafen. Das ist mein geregelter Tagesablauf. Doch nachdem es heute so ein schei*ß Schultag war, habe ich nicht wirklich Lust Smalltalk mit meiner Mutter zu halten. Ewig kann ich dem Haus nicht den Rücken kehren. Meine Mutter schaute schon aus dem Küchenfenster, schritt zurück und öffnete dann die Haustür. Adieu Ruhe. Willkommen Stress. Schnell stieg ich aus und rannte ins Haus.
„Hallo, Liebling.“ Wow, da war mal jemand gut gelaunt und grinste über das ganze Gesicht. Hat sie sich zufälligerweise von Phil getrennt? Dann wird es doch noch ein schöner Tag. Aber ich glaube nicht daran
„Hallo.“, erwiderte ich Kühl und verzog mich sofort nach oben. Dort warf ich meine Schultasche auf meinem Bett, zog mir meine Jacke aus und mir zog ich alte Sachen an und schnappte mir meinen iPod. Ich ging wieder runter.
„Machst du gleich das Haus?“
„Ich bin schon dabei, Mutter.“, schnauzte ich sie etwas an. Ich holte mir die Putzsachen und begann oben an zu putzen und arbeitete mich weiter nach unten. Da wird man schon von der Mutter genervt. Sie ist schon lange zu Hause und kann das nicht machen. Ich verstehe sie nicht, wie man so faul sein kann? Wenn sie nicht bald aufpasst, wird sie noch dick und rund und wird schneller von Phil verlassen, als das sie bis drei zählen kann. Mir persönlich würde es ja nichts ausmachen..
Nachdem ich das Haus blitzblank geputzt habe, fing ich an zu kochen. Ein ungarisches Gericht, welches beiden nicht schmeckte und ich mir Tadel für einhandelte. Das ist ihr Dank. Sie können mich mal. Ich ging duschen und legte mich auf mein Bett. Auf Hausaufgaben habe ich jetzt keine Lust mehr. Da gibt man sich große Mühe und bekommt Ärger. Wenn sie etwas Besonderes haben möchten, sollen sie selber kochen. Wie mich das nervt. Kann man denn nicht einmal ein Dankeschön sagen? Ich will einfach nur noch raus aus diesem Leben. Und zwar so schnell wie möglich.
Der Rauswurf
Weinend und völlig aufgebracht lag ich in meinem Bett und dachte über die Geschehnisse des heutigen Tages nach. In der Schule lief nichts glatt und zu Hause hat man wieder die komplette Auflistung an Tadel bekommen. Wieso passt es ihnen nicht, wenn ich koche? Muss ich mich denn immer nach ihnen richten? Ich kann doch selber entscheiden, was ich für uns koche. Man möchte es auch nicht einseitig und monoton haben. Mich macht das richtig fertig. Ich putze den halben Tag und es ist ihnen nicht sauber genug. Angeblich ist dort noch ein Fleck auf der Arbeitsfläche. An den Schränken ist noch Staub. Der Boden glänzt nicht. Essen schmeckt miserabel und entspricht nicht dem nach ihren Vorstellungen. Was soll ich davon halten? Ich kümmere mich um ein ganzes Haus, finde Abends noch die Zeit zum Kochen. Kümmere mich sogar um die Rechnungen und achte immer darauf, dass Strom, Wasser und die Miete pünktlich bezahlt sind. Wenn man es so sehen möchte, führe ich ein eigenes Leben. Unabhängig von jedem. Als wäre niemand anwesend im Haus – nur ich. Doch leider erinnert mich die Stimme meines Stiefvaters immer daran, dass noch welche im Haus wohnen.
„Vanessa.“, erklang seine wütende Stimme die Treppe herauf. Jetzt darf ich mir wahrscheinlich wieder die nächste Klage anhören. Ich stand nicht auf, sondern blieb einfach liegen. Es ist zehn Uhr am Abend und ich möchte Zeit für mich haben und nicht noch herum schikaniert werden. Warum werde ich so behandelt? Ich versuche es jeden Recht zu machen. Bin eine gute Tochter und widersetze mich nie einem Wort. Aus Liebe zu meiner Mutter, weil ich sie nicht verlieren möchte, höre ich sogar auf Phils Worte und mache alles, was man mir auffordert zu machen. Mehrmals hatte er mir schon gedroht, mich aus dem Haus zu werfen, sollte ich es auch nur einmal wagen, meine Aufgaben nicht zu erledigen. Meiner Mutter schenkte er damit ein sorgenfreies und gemütliches Leben. Sie wird von oben bis unten bedient. Frühstück muss ich vorbereiten und das Tablett zu ihm hochbringen, nur damit er meiner Mutter vorlügen kann, dass er es zubereitet hätte.
Wenn es mir lieb war, ein Dach über dem Kopf zu haben, sollte ich besser nach unten gehen.
Ich wischte mir mit dem Ärmel vom Longshirt meine Tränen aus dem Gesicht und erhaschte einen kurzen Blick in den Spiegel. Wie kann man mir das nur anrichten? Augen dick geschwollen und rot umrandet. Ich muss wohl schon ein paar Stunden auf dem Bett gelegen und ins Kissen geweint haben. Mom darf das nicht auffallen. Sie würde sich nur unnötig Sorgen machen und wissen wollen, was los ist. Ich könnte ihr jeden Tag aufs Neue erzählen, was mein Problem ist, sie würde mir dennoch nicht zuhören und es verstehen. Vielleicht muss ich einfach ein neues Leben beginnen. Er kann mich nicht einfach aus dem Haus werfen, nur weil er glaubt, ich sei zu nichts nutze. Er hat keinen Anspruch auf mich. Nicht mal meine Mutter darf mehr entscheiden, was ich zu tun und zu lassen haben. Ich bin volljährig und damit kann ich für mich selber bestimmen. Trotzdem muss ich auf Nummer Vorsicht gehen.
„Vanessa.“, rief er nun sehr wütend. Kann der denn nicht mal eine Minute warten? Ich habe noch ein eigenes Privatleben. Ich kann doch nicht immer sofort springen, wenn er es verlangt.
„Ja gleich.“, rief ich zurück.
„Sofort, Fräulein. Sonst werde ich sauer.“ Das ist er doch schon oder gibt es noch eine Steigerung darauf? Ich glaube kaum. Wie kann ich denn nur verhindern, dass er meine Mutter noch zu Grunde richtet? Eines Tages wird sie ebenfalls arm dran sein. Ich ahne es schon voraus. Sobald ich auf dem College bin, wird sie an meine Stelle treten dürfen. Sie wird deswegen noch untergehen. Ich habe härtere Nerven – hab ich wohl von meinem Vater geerbt. Meine Mutter ist eher kindischer und benimmt sich auch so. Ich würde sie so gerne beschützen und ihr raten, das sie sich von Phil trennen und scheiden lassen soll. Er tut ihr nicht gut. Doch die Entscheidungen liegen ganz bei ihr. Ich liebe sie und kann doch nichts verhindern. Mord wäre die einzigste Lösung, aber soweit würde ich niemals gehen. Für mich ist das etwas sehr Fürchterliches. Doch ich vertraue darauf, dass sie eines Tages bemerken wird, was für ein großes Arschloch er ist.
Schnell sprintete ich noch ins Badezimmer und schüttete mir ein wenig eiskaltes Wasser ins Gesicht, um wieder einen klaren Gedanken zu bekommen. Wieder schrie mein Stiefvater nach mir. Kann man denn im Haus keine fünf Minuten für sich haben und sich schnell frisch machen, bevor man nach unten geht? Jetzt bin ich aber noch so dreist und putze mir die Zähne. Ich mag frischen Atem und hasse es, ungepflegt zu wirken. Und durch den trockenen Mund habe ich einen bitteren pelzigen Geschmack. Ich muss mir gleich dringend eine Flasche Wasser und ein wenig Nervennahrung mit aufs Zimmer nehmen. Auch kämmte ich mir noch mal schnell die Haare durch und band sie mir zu einem Pferdeschwanz zusammen. Nun konnte ich endlich runter gehen und mich dem Teufel stellen. Ist er als Kind Belzebub immer begegnet, dass er nun so teuflisch drauf war? Wurde bei ihm der Exorzismus durchgeführt, dass ihn sehr auf sein späteres Leben geprägt hat? Jedenfalls hat er etwas mit dem Teufel zu tun, darin bestand kein Zweifel.
Phil stand an der Treppe und schaute mich mit böse funkelnden Augen an. Oh ja, er hatte eindeutig etwas mit dem Satan am laufen.
„Du hast lange auf dich warten lassen.“, entgegnete er entrüstend.
„Ich habe nicht sofort auf zu springen, nur weil du es verlangst.“, patzte ich zurück. Er braucht nicht glauben, dass er mir etwas zu sagen hat, nur weil er mein Stiefvater ist. Würde doch nur mein leiblicher Vater leben. Ich würde ihn fragen, ob ich zu ihn ziehen kann. Wir könnten uns richtig kennenlernen und eine gemeinsame Zeit miteinander verbringen.
„Deine Mutter und ich haben dir vieles zu sagen.“ Dann bin ich mal gespannt. Kommen sie mir wieder damit an, dass ich zu wenig Arbeit leiste? Oder das ich ein ungezogenes Kind bin? Es kann vieles sein und Gutes kommt nie dabei raus.
Ich lief ihm hinterher ins Wohnzimmer, wo meine Mom auf der Couch, in einem Buch vertieft, saß. Schon wieder einer ihrer Krimiromane. Wann wird diese Phase vorbei sein? Ihre Phasen sind so wechselhaft wie das Wetter. Man weiß nie, was als nächstes kommt. Sie schaute auf und schenkte mir ein Lächeln, welches ich nicht erwidern konnte. Trotz der Liebe zu ihr, spürte ich einen kleinen Funken Hass auf sie. Hass dafür, dass sie ihn kennengelernt hatte. Dass sie ihn lieben lernte und heiratete. Dass sie meinen Vater einfach sitzen ließ, nur um einen Teil ihres alten Lebens wieder zu haben. Hass darauf, dass sie zuließ, was Phil mit mir trieb und sich nicht für ihre Tochter einsetzte. Phil hatte sie so sehr manipuliert, dass sie schon gar nicht mehr dieselbe war. Früher war sie durchgeknallt und extravagant. Man konnte immer mit ihr reden und sie verstand mich. Ihr konnte ich problemlos alles anvertrauen. Aber das war einmal. Seit sie Phil kennt, kann ich mich ihr nicht mehr so öffnen. Vieles fresse ich in mich hinein, welches mir schwer auf der Seele lastet.
Da Phil sich neben meiner Mutter setzte, machte ich es mir in dem Sessel gegenüber von ihnen gemütlich. Ich wollte nicht länger als unnötig hier sitzen.
„Was habt ihr mir zu sagen?“
„Du hast geweint, Schatz.“, erriet sie mit einem besorgten Blick.
„Habe ich nicht.“, log ich munter drauf los. Was geht sie das denn an? Sie würde mir nicht zuhören und Phil würde nur dazwischen reden, wenn ich es ihr erzählen wolle, was los war.
„Erstmal sind wir sehr unzufrieden mit deiner Arbeit. Du lässt dich zu sehr gehen und vernachlässigst sie. Schau dir nur mal den Dreck in dem Haus an. Hast du dazu etwas zu sagen?“
Ich hab es gewusst. Und für meinen Geschmack war das Haus sehr ordentlich. Alles stand an seinem Platz, kein Staubkrümmel zierte einen Schrank. Man konnte vom Boden essen und wenn man nach draußen sah könnte man meinen, als befände sich dort keine Glasscheibe.
„Wenn es nicht nach euren Geschmack ist, dann putz doch selber. Ich jedenfalls habe auch noch andere Verpflichtungen, als eure Putzfrau und Köchin zu spielen.“ Ihm schienen sämtliche Regungen ausgegangen zu sein. Die Farbe wich aus seinem Gesicht. Er hat wohl mit allem gerechnet, aber nicht damit. Ich war schon immer für eine Überraschung zu haben.
„Nessa, wenn wir dir etwas befehlen, hast du zu gehorchen.“
„Für dich heiße ich immer noch VAnessa. Ich kann mich nicht daran erinnern, dir jemals meine Erlaubnis gegeben zu haben, mich Nessa zu nennen. Und ich werde machen, was mir passt. Ab sofort. Ich lasse mich nicht mehr von euch schikanieren. Wenn deiner Meinung nach das Haus dreckig ist, dann mach du doch die ganze Scheiße.“ Wird auch mal Zeit, dass das aus meinem Mund kommt. Soll er wissen, dass er ein riesen großer Mis*tkerl ist, dem ich die Pest an den Arsc*h wünsche. Ich wünsche den noch so vieles mehr. Alles Schlechte, abgesehen von der Gewalt. Sollen ihn die apokalyptischen Reiter holen und meine Welt wäre wieder zufrieden. Der vierte Reiter soll ihn mit der Pest anstecken. Der dritte Reiter soll ihn hungern lassen. Und der zweite Reiter soll ihn durch einen Krieg besiegen, damit der erste Reiter seinen erfolgreich gewonnenen Krieg feiern kann.
„Wenn dir dein Leben lieb ist, dann solltest du besser auf mich hören.“, drohte er mir. Soll das eine Todesdrohung sein oder nur einen Anspielung vom Dach über dem Kopf? Er soll nur weiter so machen, dann werde ich bald zur Polizei gehen und Anzeige gegen ihn erstatten. Jeder hat ein Recht darauf, seine freie Meinung zu sagen und jeder kann auch machen, was er möchte, solange das Gesetz es erlaubt. Und dazu gehört sicher kein Mord an einer unschuldigen jungen Frau, die ihre Jugend geopfert hat, nur weil die Mutter und der Stiefvater sie herumkommandieren mussten.
„War's das? Ich würde gern wieder nach oben gehen.“
„Das ist noch längst nicht alles, Fräulein. Wann findet diese Woche der Abschluss statt?“ Geht den das was an? Er ist nicht erwünscht. Nur meine Mutter darf kommen und sie werde ich schon noch informieren.
„Hat dich nichts anzugehen.“
„Los, sag schon. Meine Geduld ist bald zu Ende.“
„Das ist mir doch egal. Du wirst auf keinen Fall zu meinem Abschluss kommen. Und wenn ich dafür allein in der Menge sitze und zwei leere Plätze neben mir habe. Aber dich will ich dort nicht sehen.“ Aber wer weiß, ob ich meinen Abschluss überhaupt schaffe. Morgen werden die restlichen zwei Prüfungen in Biologie und Mathe geschrieben. Dann kann ich ausschlafen, mit einem Stift zur Schule fahren und danach wieder abhauen. Und Freitag Nachmittag werden die Zeugnisse verteilt. Ohne Phil. Meinen schönsten Tag im Leben lasse ich mir nicht verderben.
„Falls ich dich daran erinnern muss, werde ich das College für dich zahlen. Deshalb hast du das zu machen und mir das zu sagen, wozu ich dich auffordere.“
„Wir können gerne weiterreden, wenn du Interesse entwickelt hast, an meinem Leben teilzuhaben und nicht nur des Geldes wegen, sondern weil man Vatergefühle hat, auch wenn es nur die Stieftochter ist.“ Aber meine kleine Rede ist von Anfang an schon hoffnungslos. Ich verschwende hier nur meine wertvolle Zeit.
„Das war doch hoffentlich alles. Ich würde gern wieder nach oben gehen.“
„Eines noch.“, redete meine Mutter nun dazwischen. Die ganze Zeit sagt sie kein Wort und lauschte stumm unserer Unterhaltung. Setzte sich weder für mich noch für ihn ein und hat kein Wort dazu zu sagen.
„Und was?“, meinte ich nur genervt. Eine Viertelstunde saßen wir nun schon hier und meine Geduld ist schon lange am Ende gelangt. Ich habe auch noch andere Dinge zu erledigen. Meine Hausaufgaben sind ja wohl wichtiger, als ein Gespräch, welches schon unzählige Male geführt worden ist. Ich war wütend auf die beiden. Und zu einem Ende scheint es nicht zu kommen.
„Phil und ich erwarten ein Baby.“ Das schockte nun auch mich. Damit hatte ich nicht gerechnet. In ihrem Alter hielt ich es für ausgeschlossen, dass sie sich noch eines anschafft. Was soll ich davon nur halten? Sagen sie mir gleich damit, dass ich den Babysitter spielen darf, nur damit die beiden es weiterhin im Bett treiben können? Er wird das Kind ganz sicher zu einem Tyrannen aufziehen. Er kommt nicht mal mit mir klar, wie will er es dann mit einem Baby schaffen? Oh Schreck. Ich bin immer gerne ein Einzelkind gewesen und nun bekomm ich ein Halbgeschwisterchen, welches sein Blut tragen wird. Schrecklich.
„Ihr braucht nicht glauben, dass ich die Mutterrolle übernehmen werde.“ Zu dem Zeitpunkt werde ich sowieso nicht mehr im Haus sein, sondern weit weg auf einem College. Sehr schön. Obwohl, warte mal. Wenn sie ein Baby bekommen, werden sie noch weniger Geld haben. Werden sie es dann überhaupt finanzieren können? War meine Zukunft durch ihr überlegtes Handeln damit gefährdet?
„Als ob du die Verantwortung für ein Kind übernehmen könntest.“ Wahrscheinlich besser als er. „Du schaffst es nicht mal ein Haus sauber zu halten. Alles ist schmutzig. Schau dir den Schweinestall mal an. Du machst gar nichts.“
„Ich mache gar nichts? Ich habe mich wohl gerade verhört. Nach der Schule mache ich mich sofort daran, alles zu putzen und zu wischen. Alle Möbel abzustauben und die Teppiche zu saugen. Wische die Fenster und danach koche ich noch, nur weil ihr euren Hintern nicht hoch bekommt. Erzähl du mir nicht, ich würde gar nichts machen. Ich bin von acht bis sechzehn Uhr in der Schule. Danach komme ich immer nach Hause und mache mich sofort an der Arbeit und hänge bis neunzehn Uhr daran. Dann gibt es Essen. Danach spüle ich, dann ist es meist auch zwanzig Uhr. Ich gehe duschen und mache mich dann an die Hausaufgaben und bis ich fertig bin, ist es meist halb zehn. Ich habe keine Freizeit mehr wegen dir, da du mich immer tyrannisieren musst. Weißt du wie sehr mich das ankotzt? Du bist einfach ein Schwein, welches nicht selbstständig leben kann und Spaß daran hat, anderen Leuten Schaden zuzufügen und sie leiden zu sehen. Also halt deine verdammte Klappe und erzähl mir nicht, dass ich gar nichts mache. Ohne mich würde es hier aussehen wie auf einem Schlachtfeld. Ihr solltet mal allein leben. Dann werdet ihr merken, was ihr durch mich alles verloren habt und werdet es bereuen, mich so schikaniert zu haben.“ Damit war alles gesagt, was es zu sagen gab. Damit stand ich auf und ging Richtung Treppe, als Phil hinter her kam und mir schmerzhaft an die Schulter packte und zudrückte. Ich hatte das Gefühl, mein Schlüsselbein würde brechen.
„Du bist eine kleine Schlampe.“, flüsterte er mir zu, damit meine Mutter es nicht verstand. Er nennt mich Schlampe? Kennt er überhaupt die wahre Bedeutung von dem Wort? Schlampe ist von schlampig abgeleitet und bedeutet unordentlich, ohne Sorgfalt. Ja, er musste die wahre Bedeutung kennen. Aber wenn ich eine bin, dann ist er ein Penner.
„Wenn es dir nicht passt, dann pack deine Koffer und verschwinde und lass uns hier in Ruhe.“
„Soll das eine Drohung sein?“
„Nein. Eine Aufforderung. Heute Abend bist du noch verschwunden. Haben wir uns verstanden? Es ist mir egal, wohin du gehst. Hauptsache raus aus unseren Leben. Ich gebe dir eine Stunde.“
Was? Er warf mich einfach aus dem Haus? Das kann er doch nicht machen. Er hat kein Recht dazu.
Um halb elf will er mich wirklich noch aus dem Haus haben?
„Mom, sag doch was dazu.“
„Tut mir leid, Schatz. Aber ich kann dagegen nichts machen. Es ist sein Haus.“ Jetzt hasste ich sie noch mehr. Sie ließ es noch zu, dass er mich aus dem Haus warf. Das kann doch nicht wahr sein. Was soll ich denn nun machen? Ich war jetzt ziemlich überfordert. Sämtliche Gefühle gingen mit mir durch. Etwas verblüfft schaute ich beide an. Phil zeigte nur mit seinem Finger zur Treppe. Eine Aufforderung, meine Sachen zu nehmen und zu verschwinden. Mom hatte sich wieder über ihren Krimi gebeugt.
„Eine Stunde, dann bist du hier verschwunden.“, knurrte er und ging wieder zu meiner Mutter. Vollkommen erstarrt stand ich an der Treppe. Kein einziger Muskel wollte sich bewegen. Meine Augen weit geöffnet, stumm liefen mir die Tränen über meine Wange und die Augen fingen an zu brennen. Mein Mund war ebenfalls geöffnet, bereit einen Satz zu sagen, doch kein Wort kam heraus. Ich hätte ihm gerne ins Gehirn geschissen, damit er endlich anfängt klar zu denken.
Nach der ersten Schreckminute konnte ich immer noch nichts sagen und stand wie angewurzelt vor der Treppe. Es wollte einfach nicht in meinem Kopf gehen, doch Phil leierte es schon wie eine Schallplatte herunter, bis er mich dann an der Schulter schubste und ich beinahe nach hinten gefallen wäre. Nun ging ich nach oben. Ich war obdachlos. Hatte kein Zuhause mehr. Wo soll ich denn um die Uhrzeit noch hin? Nicht mal ein Hotel hat um die Uhrzeit noch geöffnet, geschweige denn nimmt einen um halb elf noch auf. Tja, nun hatte ich die Kacke am dampfen. Dafür, dass ich alles gemacht habe, bekomme ich so einen Arschtritt.
Ich holte mir die großen Säcke aus dem Schrank im Flur und nahm sie mit auf mein Zimmer. Auf meinen Schrank hatte ich noch Umzugskartons liegen. Ich klappte einen auf und legte dort Bücher, CDs und DVDs rein. Es würde ein wenig schwer werden, aber mit dem Rollbrett werde ich es schon schaffen und so viele Treppen sind es ja nicht. Da kann ich den Karton auch ziehen und die kurze Strecke von Boden in den Kofferraum werde ich schon schaffen. Ich musste gut überlegen, was ich einpacke, da nur höchstens sechs Kartons im Wagen kriegen werde. Auf jeden Fall kommen der Fernseher und meine anderen elektronischen Sachen mit. Phil traue ich es noch zu, dass er sie im Internet versteigert. Ich holte mir noch ein paar Laken und Decken aus dem Schlafzimmer meiner Eltern, damit ich alles abdecken kann.
Den Flachbildfernseher packte ich in seinem Karton zurück, er würde locker zwischen den Sitzen passen. So groß ist er ja nicht – nur eine Bildschirmdiagonale von sechsundzwanzig Zentimeter - und einen DVD-Player hat er ebenfalls integriert, womit ich mir den DVD-Player sparen kann. Meine Anlage packte ich ebenfalls in ihren Kartons zurück, ebenfalls kleine Kartons die ich zwischen den Sitzen packen kann. Mein Laptop war in seiner Tasche. Ich steckte meine Autoschlüssel in die Hosentasche und schnappte mir den kleinen Fernsehkarton und lief damit runter zur Haustür. Jetzt wird es stressig werden.
Vor dem Auto stellte ich den Karton ab und klappte erstmal die Sitze um. Es bot einigen Stauraum. Hoffentlich bekam ich viel mit. Ich stellte den Karton senkrecht zwischen den Sitzen und schloss dann wieder das Auto ab. Dann lief ich wieder nach oben und holte schon mal die Anlage und den Laptop und auch den anderen fertigen Karton. Über die Sachen legte ich schon mal eine Decke, damit niemand erkennen konnte, was darin ist. Anschließend ging ich weiter packen. Meine ganzen Schulsachen verstaute ich auf dem Beifahrersitz und auch einige Papiere, die ich in nächster Zeit brauchen werde. Bis jetzt kam noch keine Reue von Phil, oder auch nur meiner Mutter. Ihnen interessierte es nicht, dass ich gerade dabei war, meine ganze Bude auszuräumen. Wie können sie nur etwas so Schreckliches machen? Sie müssen doch wenigstens ein Funken Liebe in ihrem Herz besitzen. Aber es kam einfach nichts von deren Seite. Ich packte nur stumm meine Sachen weiter und war froh, dass ich ohnehin nicht viel besaß. Alte Bilder, Kleinkram, Kerzen, Poster, Zeichnungen und Taschen packte ich in einem Karton und beschriftete den. Dann wären es schon mal zwei große Kartons, den ich auch sofort ins Auto packte um zu sehen, wie viel Platz mir noch bot. Zwei Kartons würde ich noch rein bekommen.
In einem Koffer hatte ich erstmal vorübergehend Kleidung und Waschzeug für die nächsten Tage gepackt. Man weiß ja schließlich nicht, wohin mich der Weg führen wird. In zwei Kartons verstaute ich dann die restlichen Anziehsachen, Schuhe, Gardinen und Vorhänge, Bettwäsche und Handtücher. Damit war mein Zimmer auch leer, bis auf ein paar Wolldecken und mein Bettzeug. Schlüssel, Portemonnaie, iPod und Handy hatte ich alles in meiner Jackentasche gepackt.
Schnell hatte ich auch diese Sachen alle ins Auto gepackt und mich erstaunte es, wie viel Platz noch übrig war. Mein Zimmer kam mir immer voll vor, doch jetzt sah ich erstmal wirklich, wie wenig ich hatte. Ich hab alles in ein kleines Auto bekommen. Vielleicht hatte ich aber auch nur eine gute Technik zu packen. Die Wolldecken und mein Bettzeug breitete ich über die Kartons aus und klemmte sie an den Seiten fest. Das Nötigste hatte ich vorne auf dem Beifahrersitz gestellt, den Koffer davor. Die Schränke und das Bett würde ich abholen, sobald ich eine Wohnung habe. Das werden sie mir wohl erlauben. Aber vielleicht sollte ich durch hart erarbeitetes Geld welche kaufen. Sicher wird er meckern, wenn ich nur versuche die Möbel abzuholen. Die hat er ja bezahlt und so was. Soll er sie doch behalten. Dann werde ich für immer dieses Haus den Rücken kehren, wenn es ihnen so lieber ist.
Ich ging noch einmal rein, schnappte mir drei Wasserflaschen und ein wenig Obst und packte alles in einer Tasche. Schließlich möchte ich nicht verhungern oder verdursten. Bevor ich zum Auto ging, führte mich mein Weg im Zimmer. Alles leer. Kahl. Nur ein Bett, ein Schreibtisch, eine Wohnzimmerwand und ein Schrank. Alles leer. Bett abgezogen. Selbst meine schmutzige Wäsche habe ich aus dem Wäschekorb gefischt und in einem Sack gepackt. Die Rolle mit den Säcken brachte ich zurück an ihrem Ort. Tja, leb wohl altes Zimmer. Wir hatten viele Jahre zusammen und immer warst du meine Zufluchtsstätte, wenn ich mal die Schnauze voll vom Leben hatte. Wieder liefen mir ein paar nasse Tränen über die Wange. Ich darf ihnen jetzt keine Schwäche zeigen und mich kniend vor Phil stellen und ihn um Verzeihung bitten. Das hat er nicht verdient und ich weiß, dass ich im Recht bin. Er hatte den ganzen Mist verbockt. Jetzt hatten sie wenigstens ein Kinderzimmer für das Baby. Sollen sie doch glücklich werden, wenn ich dazu nicht reiche. Dabei bin ich ein braves Mädchen. Verursache keinen Stress, mache alles und bin sehr leise. Nie habe ich meine Musik zu laut gehabt, sodass sich jemand beschweren konnte. Immer war mein Zimmer ordentlich und roch nach Zimt und Vanille – mein Lieblingsduft, besonders zur Weihnachtszeit.
Nachdem ich mich von meinem langjährigen Zimmer verabschiedet habe, ging ich runter zum Wohnzimmer und schaute noch mal meine Mutter an. Freude las ich in den Augen – wahrscheinlich wegen dem Baby. Phil saß nur vor seiner Glotze. Fernbedienung in der Hand, Tüte Chips zwischen den Beinen und das Bier in der anderen Hand. Typisch Mann, dachte ich mir. Fehlt nur noch, dass er dort nur in Unterhose und Unterhemd sitzt und sich die Eier krault.
„Mom. Ich werde jetzt fahren.“
„Tschüss, du nutzloses Ding. Vielleicht findest du ja jemanden, der dein Spielchen mitmacht.“ Er würdigte mir keinen Blick, starrte nur weiter auf dem Fernseher und gab mir dann noch eine freche Antwort. Wie ich diesen Typen hasse und wenn ich mir einen Auftragskiller suchen muss, damit er ihn erschießt. Ich bin dann nicht schuld daran und habe mir die Finger schmutzig gemacht. Ach, er ist es nicht wert, dass man sich wegen dem so einen Stress macht. Davon bekommt man nur graue Haare und die will ich tunlichst vermeiden.
„Tschüss, mein Kind. Pass gut auf dich auf.“ Nur ein Tschüss? Kein: Bitte bleib hier. Ich liebe dich doch. Und dann noch: Pass gut auf dich auf? Was soll der ganze Scheiß? Tut es denn niemanden leid, dass man mich eiskalt aus dem Haus wirft? Andere Eltern würden sich kampfbereit für das Kind einsetzen. Schade, dass mein Vater Charlie nicht mehr lebt. Ich hätte bestimmt zu ihm gekonnt. Jetzt hatte ich niemanden mehr.
„Ich werde nicht mehr wiederkommen. Hiermit werde ich den Kontakt abbrechen. Ich wünsche euch noch viel Spaß.“ Mit diesen Worten drehte ich mich um, lief in die Küche und holte die Tasche mit den Nahrungsmitteln und verschwand dann aus der Hintertür zum Auto. Eines war sicher: Nie wieder werde ich dieses Haus betreten. Mich wird nichts mehr hier hin führen. Das werde ich meiner Mutter niemals verzeihen. Das waren unsere letzten Worte.
Ich stieg in das Auto, drehte erstmal die Musik ein wenig auf und startete den Wagen. Wohin soll ich nur fahren? Erstmal zur Bank, damit ich am Nachtschalter mein restliches Geld abholen kann. Morgen werde ich dann die Karte sperren lassen und mir auch noch das Geld vom Sparbuch abholen. Dann dürfte ich ungefähr zweitausend Dollar zusammen haben. Sollte erstmal reichen, um über die Runden zu kommen für ein paar Wochen.
Nun saß ich hier in meinem Auto - mit jeder Menge Geld und mein ganzes Hab und Gut aus dem Haus - am heulen. Es ist auch nur zum heulen. Egal, was meine Mutter mir angetan hat, ich liebe sie sehr und nun muss ich gehen. Freunde, Bekannte, einfach jeden muss ich nun verlassen und ein eigenes Leben anfangen. Ohne Startkapital - nur dem wenigen Geld, was ich für ein Hotel ausgeben muss. Nur meine Sachen am Leibe. Wie soll ich das bloß schaffen? Ich bin verzweifelt, weiß mir nicht zu helfen. Von der einen Sekunde zur anderen vor die Tür gesetzt. Das Allerwichtigste bei mir. Stumm liefen mir die Tränen runter, die salzige Flüssigkeit schmeckte ich an den Lippen. Wo soll ich bloß hin? Ich hatte niemanden, zu den ich gehen kann. Mein Leben war von einer Sekunde zur anderen zerstört worden und musste ganz unten anfangen. Freunde hatten keinen Platz für mich. Beide hatte ich angerufen. Aber die eine war mit Brad beschäftigt, bei der anderen hieße die Mutter es nicht gut, wenn jemand Fremdes vorerst bei ihr einziehen würde. Nicht mal für Geld. Im Stich gelassen, von meinen besten Freundinnen. Ehemals besten Freundinnen, denn durch der Aktion habe ich gesehen, wie viel ich ihnen wirklich bedeute. An einer Telefonzelle hielt ich an, schloss meinen Wagen ab und sprintete kurz über die Straße. Im Telefonbuch suchte ich mir eine Adresse von einem Motel. Und prompt fand ich auch eine. Ich setzte mich wieder in den Wagen und fuhr dahin. Es sah zwar nicht gerade sehr eindrucksvoll aus, aber für ein paar Tage wird es schon gehen.
Ich ging in das Hauptgebäude, vorne saß ein älterer Mann – vielleicht Mitte fünfzig - und schaute sich in einem kleinen Fernseher eine Serie an.
„Hallo.“, sprach ich leise und etwas ängstlich.
„Guten Tag, Miss. Was kann ich für sie tun?“ Er wirkte sehr höflich.
„Haben sie für eine verzweifelte junge Lady ein Zimmer frei?“ Während er irgendwo rum blätterte, schaute ich mich um. Etwas ältlich eingerichtet. Mit Blumenvorhängen und recht viele Vasen mit Blumen auf den Tischen. Allgemein war hier sehr viel mit Blumen. Sicher von einer Frau eingerichtet.
Gott sei Dank hatte er noch ein Zimmer frei, dass ich sofort beziehen konnte. Teuer würde es auch nicht werden. Ich packte alles aus dem Auto raus und schloss mich ein. Willkommen neues Leben.
Prüfungen
Durch einen piepsenden Ton wurde ich wach. Plötzlich kehrten die Erinnerungen an den gestrigen Abend zurück. Wieder liefen mir die Tränen und konnte es immer noch nicht fassen, dass ich keine feste Bleibe habe. Meinen Handy schaltete ich aus. Da ich gestern Abend richtig geschafft war, schaute ich mich nun direkt in meinem vorübergehend neuen Heim um. Es war eine kleine Wohnung. Bett mit Fernseher und einer Kommode und dazu ein Badezimmer. Pro Tag nur fünfzig[ist eig. recht teuer oder? Naja ka] Dollar. Erstmal habe ich mich bis Sonntag hier angemeldet und ihn gleich auch das Geld gegeben. Der Mann – der sich netter Weise als David Gregory vorgestellt hatte – war so gütig und hat mir den Montag nicht mehr angerechnet. Damit waren schon mal dreihundert Dollar weg. Ich werde mir nachher wohl ein paar Putzutensilien kaufen, damit ich diese Mini-Wohnung sauber halten kann. Es waren nur weiße Tapeten an den Wänden. Blaue Vorhänge an den Fenstern und ein sehr kleiner alter Fernseher, der noch mit Antenne lief.
Ich schälte mich aus dem Bett und kramte mir saubere Sachen aus dem Koffer raus. Eine Dusche wäre jetzt nicht so verkehrt. Nach nur sechs Stunden Schlaf kann ich sie gut gebrauchen, um wach zu werden. Ich werde mir gleich erstmal einen Kaffee und ein Sandwich an einem Café holen.
Das Badezimmer war ganz sauber, sodass ich ohne Befürchtungen auch dort reingehen konnte. Aber sicher ist sicher, wenn ich nochmal alles reinige und desinfiziere. Ich mag es nicht so gerne, wenn überall Bakterien sind. Ich stellte das Wasser an und stieg unter die Dusche. Im Wechsel stellte ich das Wasser auf kalt und warm, um den Kreislauf anzuregen. Leicht und sanft prasselte das Wasser auf meiner Haut, wenn es warm ist. Hart und abweisend, wenn es kalt ist.
Doch ich habe keine Zeit um ewig zu duschen. Ich stellte das Wasser wieder ab und stieg aus der Dusche auf die Badezimmermatte. Innerlich ging ich schon mal eine Liste durch, was ich heute alles zu erledigen habe. Gleich werde ich erstmal etwas zum Trinken und Frühstücken kaufen. Dann zur Bank mein Sparbuch leer räumen und die Kreditkarte kündigen. Danach zur Schule fahren, die Prüfungen schreiben und anschließend sofort wieder abhauen, um einkaufen fahren zu können. Ich werde mich nach einem Job umsehen müssen und auch einer Wohnung. Doch wohin? Jedenfalls raus aus Denver. Wenn ich schon neu anfangen muss, dann aber richtig. Vielleicht ruft meine Mom ja an und sagt, ich soll wieder zurückkommen. Bestimmt hat sie noch mal mit Phil gesprochen und es wird nicht mehr lange dauern, dann kommt dieser Anruf. Ich kann mir nicht mal selber etwas vorlügen. Ich weiß ganz genau, dass Phil es ihr ausreden wird. Warum haben sie denn nicht erkannt, was ich alles gemacht habe, was eigentlich ihre Aufgaben gewesen wären. Nie kam ein Lob oder ein Dank. Der einzige Dank ist der, dass ich rausgeworfen worden bin. Können die Tränen sich nicht endlich versiegeln lassen? Müssen sie immer wieder kommen. Wenn das weiter so geht habe ich in drei Stunden noch einen Nervenzusammenbruch. Bei mir dauert das nicht lang. Ich wurde wirklich sitzen gelassen. Von Phil habe ich nichts erwartet, aber von meiner Mom schon. Doch sie ließ mich sitzen. Meine einzigen Freunde habe ich um Hilfe gebeten, aber auch sie wiesen mich ab. So sehr ist ihnen die Freundschaft werd. Ich hätte sie jederzeit aufgenommen. Aber sie halten es für wichtiger, mit den Jungs zu flirten und die Nacht mit ihnen verbringen, nur um Morgen eines derer Bettgeschichten zu sein. Die beiden brauchen mir nicht mehr unter die Augen treten. Ich bin richtig wütend auf jeden. Besser gesagt: Ich hasse sie alle. Jeder hat mich verlassen und im Stich gelassen. Nie habe ich jemanden um Hilfe oder Rat gebeten und ich bekomme nichts zurück, obwohl ich jeden immer zur Seite stand. Meine Schulter war wohl zum Ausheulen ganz gut. Und für eine Spende genauso. Wen soll ich denn nach dem Vertrauensbruch noch glauben? Wen kann ich denn heut zu Tage vertrauen? Nachdem, was mit mir passiert ist, werde ich es wohl sehr schwer haben mich jemanden auch nur ansatzweise zu öffnen. Ich werde mein Herz verschließen und eine dicke Wand aus Eis darum aufbauen. Vielleicht schafft es eines Tages ja jemand, diese Wand zum Schmelzen zu bringen. Aber ich glaube nicht daran. Wie dem auch sei, ich komme nicht drum herum nun mein Leben selber in die Hand zu nehmen. Ich muss etwas unternehmen. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Freitag werde ich mir mein Zeugnis holen und in die nächstgrößte Stadt fahren. Das sonnige warme Klima möchte ich nicht aufgeben und das Großstadtleben liebe ich viel zu sehr.
Vieles war nun geregelt. Das Frühstück war eine Wohltat und schmeckte sehr gut. Ich hatte mehr auf dem Sparbuch, als ich bisher dachte. Eine größere Summe ging vor fünf Jahren ein – Spender: Charlie Hudgens. Es muss kurz vor seinem Tod gewesen sein, als hätte er eine Ahnung gehabt, dass er nicht mehr lange leben würde. Dadurch hatte ich insgesamt zehntausend Dollar und würde die nächste Zeit erstmal damit auskommen. Normal könnte ich wenigstens drei Semester davon bezahlen. Doch was nützt es mir, wenn ich anderthalb Jahre studieren gehe und danach das Studium nicht mehr finanzieren kann? Recht wenig und ich glaube nicht, dass ich nebenbei noch die Zeit finden würde, um arbeiten zu gehen. Dafür müsste ich vierundzwanzig Stunden wach bleiben und darf wirklich keine einzige Sekunde schlafen. Eine Zeitung habe ich mir auch noch gekauft, die ich dann nachher studieren kann um nach einem Job und Apartment zu suchen. Ich muss nur aufpassen, dass mir niemand mein Geld klaut. Zurzeit trug ich den Bündel sicher in meiner Hosentasche.
Vieles Grübeln und Fluchen nützt jetzt alles nichts, ich muss jetzt in die Schule rein und die zwei Prüfungen hinter mich bringen. Eigentlich habe ich gar keine Lust darauf. Mir geht einfach nicht die Frage aus dem Kopf, was ich falsch gemacht habe, dass man so mit mir umgeht. Mich lässt das keine Ruhe. Ich liebte jeden Einzelnen. Habe sie so behandelt, wie ich es mir selber auch wünschen würde – freundlich, lieb, emotional uns respektvoll. Verlangte jemand Hilfe von mir, bekam er sie auch. Ich spendierte großzügigerweise mal einen Kinobesuch oder einen Ausflug. Hatte jemand Liebeskummer, nahm ich sie in den Arm und versuchte sie zu trösten und aufzumuntern. Wir haben viel zusammen gelacht und auch geweint und viele albernde Sachen erlebt. Meine Mutter war die einzige Person, der ich mich früher immer öffnen konnte. Ich sprach über alles mit ihr, doch seit Phil ist nicht mehr. Seitdem bin ich eine anregende Zuhörerin. Und was ist am Ende dabei raus gekommen, dass man sich Personen anvertraut? Man wird ausgenutzt und in größter Not sitzen gelassen. Ich habe von Brenda und Ashley wirklich nicht verlangt, dass ich dauerhaft bei ihnen wohne. Nur solange, bis die Schule beendet ist. Jetzt bin ich ganz allein. Ohne Eltern und ohne Freunde. Ich würde liebend gern weiter meine Tränen vergießen. Doch haben sie es verdient? Eigentlich nicht. Wenn ich mich jetzt zu sehr auf meine Gefühle einlasse, dann komme ich nie weiter und sitze in zwei Monaten noch in dem überteuerten Motelzimmer und bin arbeitslos. Wenn ich neu anfangen muss, dann aber richtig. Die alte Nessa gibt es nicht mehr. Jetzt wird es eine Neue geben, die nicht mehr so leichtgläubig ist.
Ich holte mir einen Kugelschreiber aus dem Handschuhfach, stieg aus und schloss ab. Wachsam blickte ich mich in der Gegend um, doch niemand war zu sehen. Ich zählte noch mal das Geld nach, ob auch alles anwesend ist und ich nichts verloren habe. Da fällt mir gerade ein, dass ich noch eine Bauchtasche irgendwo im Auto rum liegen haben muss. Ich schloss das Auto wieder auf und durchsuchte den ganzen Wagen. Unter dem Sitz fand ich sie. Schnell packte ich das Geld und dazu auch meine Wertsachen da rein. Dann band ich sie mir um die Hüfte und schob das T-Shirt und die Sweatjacke darüber. Ein Glück, dass ich heute etwas längere und lockere Sachen trage. So fällt es nicht ganz auf. Doch jetzt muss ich mich spurten, um pünktlich zum Prüfungsbeginn zu kommen.
Wie können die einen Schüler so viel Stress unterziehen? Reicht nicht eine Prüfung am Tag? Müssen es gleich zwei sein? Und dann auch nur neunzig Minuten pro Fach. Wie soll man das denn schaffen? Wenn ich mit Mathe fertig bin, werd ich die in Biologie nicht mehr hinter mich bringen können. Ich habe mich nicht mal vorbereitet. Jetzt muss ich mich auf mein Gehirn verlassen. Hoffentlich werde ich die einzelnen Stunden in Erinnerung rufen können. Eigentlich kann ich nur mehr hoffen, dass die nicht so schwierig sein werden. Nun ja, die anderen waren auch recht einfach, dann dürften die auch nicht so schwer werden.
Kaum war ich im Gebäude, kamen meine ehemals besten Freunde Ashley und Brenda angerannt und lachten über das ganze Gesicht. Anscheinend war die Nacht sehr wohltuend. Über meinen grimmigen Gesichtsausdruck würden sie nur sagen, dass es daran läge, weil ich verbittert bin, da ich keinen Mann habe. Dabei hatte ich den Ausdruck nur – und hole mir dadurch nur Gesichtsfalten ein – wegen ihnen.
„Hi, Nessa.“, begann Ashley.
„Für dich und Brenda heiße ich Vanessa. Und sprecht mich nicht mehr an.“ Damit ließ ich sie an ihrem Platz stehen und lief zur Klasse. Zeig ihnen ja nicht, wie schlecht es dir geht. Sie könnten sich noch lustig darüber machen. Tu so, als sei die Welt in Ordnung. Wer weiß, was sonst noch folgen würde? Gelächter von ihnen, weil sie die ganze Situation witzig fanden. Oder sie kommen angekrochen und bitten um Verzeihung. Das könnten sie gerne mal versuchen. Ich werde sie ihnen nicht geben. Die einfühlsame liebe Bella gibt es nicht mehr. Von nun an würde es eine eiskalte Vanessa geben. Nessa dürfen nur enge Vertraute sagen und da gab es niemanden. Für jeden war ich Vanessa. So wird es sein.
Ich musste zur Klasse rennen, um noch pünktlich auf meinem Platz zu kommen. Der Lehrer hatte die Zettel – mehr zu einem Heft zusammengebunden – auf dem Tisch gelegt, mit der Vorderseite zur Fläche, damit niemand etwas ablesen konnte. Meine ehemaligen besten Freundinnen kamen nicht. Das ist nicht mein Problem. Gestern um dieselbe Zeit hätte ich mich noch für sie eingesetzt, aber nicht heute.
Meinen Stift legte ich auf dem Tisch, ebenfalls stellte ich auch mein Essen und Trinken darauf ab. Jeder saß getrennt und weit auseinander, damit keiner auf die Idee kam zu schummeln. Nun gut. Was weiß ich noch aus der Mathematik von zwölf Schuljahren? Grundrechenarten ist kein Problem, da brauche ich nicht lange nachdenken, doch vier Jahre lang haben wir nur Geometrie durchgenommen und ich hoffe, dass das auch in der Prüfung vorkommen wird und nicht etwas, dass wir überhaupt nicht gemacht haben. Mein Herz raste schon aus lauter Angst. Ich wurde so nervös, die Handflächen schwitzten schon.
„Weiß jemand, wo sich Miss Callender und Miss Tisdale befinden?“, fragte nun der Lehrer und schaute ungeduldig von der Uhr zur Tür hin.
„Als ich sie zuletzt gesehen habe, trieben sie sich auf dem Flur rum.“, antwortete ich, aber mir war es recht egal, ob sie da bleiben wo der Pfeffer wächst oder zu spät kommen.
„Nun denn. Wir werden nicht länger auf sie warten. Dann bekommen sie eben eine sechs.“ Mich erfreute das irgendwie, dass sie nun so eine schlechte Noten bekommen. Und das hieße auch, dass sie den Abschluss nicht kriegen. Wie kann in nur wenigen Stunden so viel Hass auf mehreren Personen entstehen? Ich habe anscheinend nicht gelogen als ich zu mir selber meinte, dass es nur noch eine eiskalte Nessa geben wird. Ohne jegliche Gefühle, verschlossen vor anderen Menschen.
„Sie haben nur begrenzt Zeit. Jeder, der meint dazwischen zu reden, wird seine Prüfung abgeben und die Klasse verlassen. Dasselbe gilt beim Schummeln. Bei Fragen kommen sie bitte nach vorne. Viel Glück.“ Raschelndes Papier war sofort zu hören. Jeder drehte den Prüfungsbogen um. Der Lehrer drückte auf die große Stoppuhr, die auf seinem Schreibtisch stand. Irgendwie hatte ich das Gefühl, gleich in die Hose machen zu müssen. Vielleicht hätte ich vorher noch eine Beruhigungstablette nehmen sollen. Schon allein der Anblick auf der ersten Seite war erschreckend einschüchternd. In dicken großen Buchstaben stand dort: Mathematikprüfung, Adresse der Schule, Datum von heute. In der oberen rechten Ecke muss der Name eingetragen werden. Meine krackelige Schrift sah nun mehr aus wie eine Kindergartenzeichnung, als ich den eintrug. Aus Interesse schlug ich mal die letzte Seite auf. Zwanzig Seiten. Wie soll ich das denn bitte schaffen? Nun ja, wird schneller gehen, da wir die Aufgabenwege alle in der Prüfung schreiben müssen und dadurch weniger Aufgaben auf einer Seite passen. Dann fang mal an, Bella. Fünf Minuten hast du schon verschenkt. Na, dann mal los.
Die ersten Seiten waren recht einfach. Acht Seiten gingen für Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division drauf. Pro Seite fünfunddreißig Aufgaben, die alle im Kopf gerechnet werden mussten. Das war aber kein Problem für mich. Zwei Seiten Bruchrechnen. Auf einer Seite mussten wir Schnittpunkte von einem Kreis kennzeichnen. Also Mittelpunkt, Radius, Durchmesser, Kreissehne, Kreisbogen, Sektor und Segment. Dann mussten wir auf seiner Seite Mittelwerte ausrechnen und diese auf der nächsten Seite in einem Kreis- und Säulendiagramm festhalten. Zwei Seiten Gleichungen und lineare Funktionen. Anschließend eine halbe Seite Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die andere Hälfte binomische Formeln und Satz des Pythagoras. Wer weiß das nicht, dass a²+b²=c² ist? Beherrscht man diese Formel, konnte man vieles rechnen, sogar Wurzelberechnung. Anschließend folgten noch Winkelzeichnungen und dann die Geometrie in sich. Formen und Körper zeichnen. Flächen, Umfang, Diagonalen, Rauminhalt, Seiten, kurz und knapp: wir mussten den gesamten Körper und die gesamte Form ausrechnen, was es auszurechnen gab. War auch sehr einfach, da unser netter Herr Lehrer das ja oft mit uns durchgenommen haben. Und ich habe es sogar noch im Zeitlimit geschafft. Man, bin ich gut. Ich wusste gar nicht, dass ich so viel auf diesem Gebiet kann. Dann kann ich doch ganz zufrieden mit mir sein und am Donnerstag erfahren wir alle Ergebnisse der Prüfungen. Mal schauen, wie ich so abgeschnitten habe. Aber gegen den Oberstreber Manny komme ich sowieso nicht an. Der wird wahrscheinlich von seinen Eltern dazu gequält, den ganzen Tag zu lernen. Vielleicht habe ich aber nur ein sehr gutes Gehirn, dass ich mir vieles merken kann, doch im Unterricht bin ich viel zu schüchtern und meldete mich kaum. Ausnahme Englisch und Biologie. Besonders wenn wir englische Literatur durchnehmen, mache ich fleißig mit. Ich soll mal nicht so viel schwärmen. Es gibt Wichtigeres, auch wenn es mich ein wenig ablenkt. Zehn Minuten geht der Unterricht noch. Viele hatten schon die Klasse verlassen, andere waren krampfhaft dabei etwas auf den Zettel zu schreiben. Ich schnappte mir meine Sachen und ging vorne zum Lehrer, um die Prüfung abzugeben. Dann hastete ich nach draußen zum kleinen Schulpark.
Im Park waren mir die zwei besten Freundinnen begegnet. Doch wie ich mir geschworen hatte, hab ich sie ignoriert und ihnen meine kalte Schulter gezeigt, bis ich dann zur Biologieprüfung musste. Die war der reinste Kinderspiel und auch nicht ganz so lang wie Mathe. Lediglich fünf Seiten weniger und hauptsächlich nur etwas zum Schreiben. Aufbau eines Menschen. Funktionen der Organe, Nervenstränge, Gehirn und all das. Erläuterung verschiedener Kinderkrankheiten. Sexualität, Schwangerschaft und Aids. Blutgruppenbestimmung, welche Gruppen es gibt. Vererbungsregel und Genaufbau. Zum Schluss noch zwei Seiten über die Evolution. Es ging aber hauptsächlich nur um den Menschen. War ganz einfach und innerhalb von einer Stunde hatte ich das geschafft. Mein Lieblingsfach eben. Ich schrieb keine halben Romane, hielt mich nur an die Aufgabe und erläuterte alles sachlich. Als ich dann die Prüfung abgegeben hatte, durfte ich nach Hause fahren. Nach Hause. Das war ein Fremdwort für mich geworden. Ich hatte keines. Doch dieser Worte der Lehrerin holten mich in die Realität zurück und erinnerten mich daran, was ich zu tun habe. Ich bin also zum nächsten Supermarkt gefahren und habe erstmal Lebensmittel, Putzzeug und Pflegeartikel geholt. Und auch die Zeitung aus Colorado Springs. Kochen konnte ich nicht mehr, also musste ich mir notgedrungen etwas aus einem Schnellrestaurant holen. McDonalds – ist zwar sehr kalorienreich und fettig, aber es schmeckt und teuer ist es auch nicht und als Übergang reich es ja. Nach der kleinen Speise im Auto bin ich zum Motel zürück und hab mich dort ins Zimmer eingeschlossen. Erstmal versteckte ich die Mengen Geld in verschiedene Kartons. Zum Beispiel legte ich ein paar Scheine zwischen meinen Anziehsachen oder in einer DVD-Hülle. Mit einem Kreuz markierte ich die Kisten, in denen sich etwas befand. Auf einen Zettel hatte ich auch die Mengen aufgeschrieben und den im Portemonnaie gepackt. Dieses habe ich ja immer dabei in meiner Hosentasche, so würde es mir keiner klauen, da ich meine Hände sowieso meist in meiner Tasche habe und wenn ich im Auto sitze sind die Riegel immer unten, damit keiner rein kommen kann und so kommt auch keiner an dem Handschuhfach, wo sich meine Geldbörse während der Fahrt immer befindet. Nun hatte ich wenig Ruhe und las mir die Zeitung durch. Eine Jobanzeige stach mir direkt ins Auge. Dringend Kellnerin gesucht. In der edlen Hilton-Kette. Berufserfahrung nicht nötig. Freundlich im Umgang mit Menschen kann ich sein und eine von der schnellen Sorte bin ich eigentlich auch. Das war doch mal was. Ich machte sofort einen Kreis darum. Aber auch andere Anzeigen markierte ich. So zum Beispiel suchten sie Auszubildende als Krankenschwester im Penrose Hospital.
Bei dem Hotel rief ich an und sie sagten mir sogar, dass ich am Freitag um elf Uhr kommen soll zu einem Bewerbungsgespräch. An dem Krankenhaus schrieb ich eine Bewerbung per E-Mail. Andere Jobanzeigen würde ich vor Ort nachgehen. Billige Wohnungen hatten sie auch zur Verfügung, falls das etwas sein sollte. Wenigstens kam ich voran. Und Colorado Springs war eine große Stadt. Dort würde ich mich wohl fühlen und einen Neubeginn starten können.
Der entscheidene Freitag
Ich hatte heute ein sehr nettes Gespräch mit dem Direktor von der Schule und ihn meine momentane Situation erklärt. Er hat mir natürlich erstmal für meine hervorragenden Leistungen in den Prüfungen, die ich alle mit sehr gut abschloss, gratuliert. Daraufhin sagte er dann noch, dass er mir mein High School Diplom früher geben kann, da ich morgen ein Vorstellungsgespräch im Hotel und im Krankenhaus habe. Somit brauche ich dann nicht extra zu der Feier kommen. Sehr nett von ihm, mich einen Tag in voller Stille zu entlassen. Wenigstens hatte ich einen Glückstag. So brauchte ich auch nicht unter die Blicken von Ashley und Brenda kommen.
Somit habe ich noch am selben Tag aus den Karton mit den Anziehsachen mir meinen Rock, eine Bluse und den Blazer rausgesucht, damit ich den morgen zu den Vorstellungsgesprächen anziehen kann. Die Sachen packte ich dann im Koffer mit rein. Ebenfalls hatte ich dann die ganzen Sachen wieder im Auto beladen. Das bezahlte Geld für Freitag, Samstag und Sonntag hat David mir freundlicherweise zurück gegeben und mir viel Glück gewünscht. Ich hatte mich schon an das Leben in einem kleinen Zimmer gewohnt. Mit den ganzen Kartons vor den Füßen und einem herrschenden Durcheinander.
Ich war dann also noch am selben Tag nach Colorado Springs gefahren und habe dort ein sehr billiges Motel gefunden. Nur fünfundzwanzig Dollar am Tag. Ich hatte erstmal für heute und morgen bezahlt. Vielleicht könnte ich morgen noch woanders hin und wenn nicht, kann ich immer noch bei der netten Empfangsdame für die anderen Tage bezahlen. Wohnungen wollte ich mir morgen Nachmittag anschauen. Doch erst mal muss ich wissen, ob ich die Jobs bekomme, sonst wird das mit einer Wohnung schlecht. Ich hatte ausgerechnet, dass ich mit meinen Geld die ersten drei bis vier Monate Miete, Strom und Wasser zahlen könnte und es dann auch noch reicht um davon zu leben und die Steuern zu bezahlen, doch in der Zeit muss ich einen Job finden. Und wenn ich morgen Zusagen oder Ablehnungen bekomme, kann ich mich darauf konzentrieren die billigste Wohnung zu nehmen. Werde ich morgen die Geschäftsleitung überzeugen können? Habe ich mit meinen Zeugnis überhaupt eine Chance? Welchen Eindruck werde ich auf sie hinter lassen? Was werden sie mir für Fragen stellen? Ob sie wohl auf die Frage kommen, ob ich noch zu Hause lebe oder allein? Und wenn sie das fragen sollten, werde ich mit der Wahrheit kommen. Aber fragen sie mich dann, warum ich dieses Schicksal habe? Wieso ich aus dem Haus geworfen worden bin? Das wird sicher einen schlechte Eindruck hinterlassen wenn die merken, dass ich mich unterdrücken lasse und niemanden meine Meinung sagen kann. Sie werden denken, ich bin eine Sklavin der man nur etwas sagen braucht und die dann sofort springt. Warum musste Phil und meine Mutter mir das antun? Wieso konnten sie nicht erkennen, welche Arbeit ich jeden Tag geleistet habe? Warum haut Phil dann noch rein, ich bin unnützlich und wertlos und würde nie etwas machen? Immer diese >>Wieso<< und >>Warum<< - Fragen, die keiner beantworten kann, außer meine Mutter und ihr Ehemann persönlich. Ich vermisse sie. Am liebsten würde ich dorthin fahren. Aber dann hieße es, ich komme nur angekrochen, weil ich ein Dach über dem Kopf haben möchte und mir ein schönes Leben machen möchte. Ohne Verpflichtungen und Verantwortung. Dabei besitze ich mehr davon, als die beiden zusammen. Und dann sind da noch die gekündigten Freundschaften. Brenda und Ashley hatten oftmals versucht, mit mir zu reden. Aber nie war ein Satz davon: Es tut mir leid. Oder: Wir haben nicht darüber nachgedacht. Nein, dieses Thema sprachen sie nicht mal an. Sie verhielten sich ganz normal, als sei nichts gewesen. Sprachen über belanglose Themen wie ihre Freunde und dass sie nun ihr erstes Mal erlebt haben, was mich eigentlich gar nicht interessierte. Dafür wusste das aber nun die ganze Schule, weil sie so laut sprachen, dass es jeder im Umkreis von sechs Metern gehört hat. Und es verbreitete sich wie ein Lauffeuer und sie wurden zum Gespött der Schule. Hätten sie nicht den Mist verbockt, hätten sie mit mir leise darüber sprechen können, aber so liefen sie mir wie Dackel hinterher und versuchten auf mich einzureden. Doch ich ignorierte sie konsequent. Ich will mit ihnen nichts mehr zu tun haben. Mein neues Leben hatte bereits begonnen. Innerhalb von kurzer Zeit habe ich zwei Vorstellungsgespräche bekommen, habe eine Liste erstellt mit den Dingen, die ich alle besorgen muss. Hab aufgeschrieben, was ich alles zu erledigen habe. Wenn ich eine Bleibe gefunden habe – ein billiges Apartment, in welchem ich wohnen kann –, werde ich gleich als erstes zur Bank fahren und mir ein Konto einrichten lassen und sofort meinen patzen Geld draufzahlen lassen. Leider musste ich ja das Konto in Denver kündigen, da ich dort nicht mehr Lebe und somit das ganze Geld mit mir rum schleppen und das Sparbuch war nur für diese Stadt gültig, deshalb auch dieses. Dann muss ich mein Auto auf eine andere Adresse anmelden und auch mich muss ich bei der Behörde registrieren lassen. Sobald ich dann die Wohnungsschlüssel habe, werde ich meine Kartons in die Wohnung schleppen und mir dann erstmal ein Sofa kaufen und es her liefern lassen, damit ich erstmal etwas zum drauf schlafen habe und nicht die Kisten benutzen muss. Es wird also noch sehr viel zu tun sein. Doch wichtig ist erstmal eine Küche mit Ausstattung, eine Couch und Lampen. Werkzeug und eine Leiter fehlt mir auch. Und hinzu noch die Glühbirnen. Das wird noch ein kostspieliges Spiel werden. Wenn ich so daran denke, werde ich mir wohl nur eine sehr billige Wohnung leisten können und auch nur die Miete für einen Monat bezahlen können. Vielleicht finde ich ja einen Second-Hand-Laden, in dem es Möbel gibt. Sonst werde ich einfach mal schauen, was der Möbelmarkt zu bieten hat. Tapeten und Laminat ist ja schließlich auch wichtig.
Doch erstmal kann ich ein Zimmer nach den anderen machen. Hauptsache erstmal etwas, worauf ich schlafen kann und vielleicht einen kleinen Couchtisch. Küche hat erstmal Zeit. Dann spüle ich halt im Waschbecken das Messer, womit ich mein Brot beschmiert habe. So kann ich mir noch etwas Geld zusammen sparen und dann ein Zimmer nach dem anderen machen und es füllen. So viele ungeklärte Fragen. So viele Sorgen. Und glücklich werden kann ich einfach nicht. Mir fehlt jeder Einzelne. Ich wurde von jeden verlassen und ausgenutzt. So fühlte ich mich auch. Im Stich gelassen von den Menschen, die man am meisten liebt. Die stechende Wunde in meinem Herzen hörte nicht auf zu bluten und zu schmerzen. Von nun an muss ich damit leben und ich hoffe, dass ich eines Tages mein Glück wieder finde. Könnte doch nur alles so einfach sein. Ich habe nicht ewig Lust in einem Motel zu leben wie eine Kanalratte. So kam es mir vor. Ich war die Kanalratte auf der Suche nach einem hübschen neuen Zuhause und einem geregelten Leben. Kann mich nur von billig Produkten aus der Tüte ernähren und mir einen geschmacklosen Kaffee in einem Café holen. Ich muss mir dringend eine Kaffeemaschine und Tassen kaufen. Geschirr und Besteck brauche ich auch. Erstmal in einmaliger Ausführung. Für mich reicht es und wenn ich jeden Tag spüle, habe ich auch jeden Tag wieder saubere Sachen. Ich bin ja froh, dass ich kein Fernseher oder eine Anlage kaufen brauche und dies von zu Hause mitgenommen habe. Die Wohnwand oder auch nur Kleiderschrank, Bett und Schreibtisch werde ich von zu Hause abholen und damit hätte ich mir wieder ein wenig Geld gespart. Gardinen und Vorhänge habe ich auch, sodass ich auch für die Fenster nichts mehr besorgen bräuchte. Handtücher und Badetücher habe ich ebenfalls. Doch das Geld, was ich mir an den Sachen gespart habe, werde ich für eine Waschmaschine ausgeben müssen. Aber vielleicht reicht es auch erstmal, wenn ich sie mit der Hand wasche. Man kann Mittel und Wege finden, wie man erstmal Geld sparen kann. Morgen werde ich mir mehr ausrechnen können. Erstmal abwarten, wie es mit den Jobangeboten aussieht. Erstmal habe ich um neun Uhr das Vorstellungsgespräch im Krankenhaus. Um elf Uhr dann im Hotel. Anschließend werde ich mir die Wohnungen anschauen gehen und ich hoffe nur, dass ich eine finde. Dann kann ich zur Bank marschieren und mir ein Konto erstellen lassen und das viele Geld drauf zahlen. Zurzeit habe ich noch knapp an die neuntausendfünfhundert Dollar zur Verfügung. Mal schauen, wie ich das finanzieren werde. Wenn mein Vater doch nur leben würde. Durch die Recherchen, die ich nebenbei geführt habe musste ich leider feststellen, dass er wirklich tot ist und meine Mutter mich nicht angelogen hat. So gerne hätte ich ihn kennengelernt. Es wäre sicher nicht die höflichste Art gewesen, plötzlich vor seiner Tür zu stehen und zu sagen, dass ich bei ihn einziehen würde, aber man hätte telefonieren können. Ich hätte ihn mein Problem geschildert und dann gefragt, ob ich übergangsweise bei ihn wohnen darf. Und so hatte ich mir nun die Großstadt Colorado Springs ausgewählt. Ich liebe Colorado einfach. Im Frühling riecht alles nach Tau vom schmelzenden Eis, alles fängt an zu blühen und die Stadt erweckt zum Leben. Im Sommer scheint heiß und trocken die Sonne, welche einem eine angenehme Bräune verschafft – leider wurde ich nie braun, bekam nur allzu schnell einen Sonnenbrand. Im Herbst fallen die Sonnenstrahlen durch die Bäume, die ihre bunten Blätter verlieren und sich auf den Bürgersteig verteilen. Es regnet in Maßen und ab und zu kommt ein Gewitter. Im Winter hingegen liegt viel Schnee, aber die Sonne scheint sehr leicht und verschafft einen ein wenig Wärme. Alles ist mit Schnee bedeckt. Kinder spielen im Park und bauen Schneemänner. Eltern ziehen sie mit ihren Schlitten den Straßen entlang. Die Jahreszeiten sind hier perfekt strukturiert und alles ist an seinem gewohnten Platz. Frühling – aufwecken von jeden Leben. Sommer – Hitze und tobende Kinder. Herbst – Regen, Gewitter, fallende Blätter und im Winter der kalte Schnee. Doch mag ich die Sonne am liebsten. Es ist trocken und man bekommt keine nassen Füße. Deshalb mag ich den Schnee so wenig. Eher den Tau verabscheue ich. Der Schnee schmilzt und wird matschig und nass. Dadurch bekommt man nasse Füße und schnell eine Erkältung und ich bin nur sehr ungern krank. Deswegen könnte ich niemals in den Norden ziehen. Doch zu meinem Vater wäre ich ohne Gedanken gezogen, auch wenn die Stadt dort angeblich nur vom Regen und Schnee begleitet werden soll. Leider wurde nichts daraus. Er hatte auch keine weiteren Verwandten oder Geschwister, womit ich also ganz allein da stand. Wenigstens habe ich etwas Geld um zu leben und ich dachte, ich stünde so ganz ohne da. Ohne Geld und Hab und Gut außer meinen eigenen Sachen. Aber das ich von jeden verlassen wurde, war leider keine Einbildung. Das war wahr und ich weiß nicht, ob ich jemals wieder Freunde finden würde. Jemanden, den ich alles anvertrauen kann. Ein Psychiater wäre da ganz sicher kein Freund und würde mir auch noch eine Menge Geld abverlangen. Doch jetzt darf ich mir nicht so viele Gedanken machen. Weder über das Geld, Freundschaften oder Liebe. Die Ungewissheit stand mir groß auf der Stirn geschrieben. Aber für heute sollte ich lieber schlafen, damit ich morgen keine dicken Augenringe habe. Damit würden sie mich sofort wieder nach Hause schicken. Aber kann man es mir verübeln, wenn ich total fertig aussehe? Schließlich wurde ich aus dem Haus geworfen, muss in billige Zimmer schlafen und jede Nacht die Geräusche der vorbeifahrenden Autos hören. Nicht zu wenig kamen Krankenwagen und Feuerwehr vorbei. Ich befand mich mitten im Stress und versuchte zum ersten Mal im Leben selbstständig auf den Beinen zu leben und mir ein geregeltes Leben aufzubauen. Vor einer Woche habe ich noch von einer großen Ausbildung und einer Karriere geträumt. Einen College-Abschluss als staatlich geprüfte Dolmetscherin. Und nun befand ich mich sozusagen auf der Straße und kann mir nur Jobs als Kellnerin in Cafés, Restaurants oder Bars suchen und mich mit dem wenigen Geld über Wasser halten. Aus dem netten Abschluss wird nichts mehr. Meine Abmeldung habe ich der Universität auch schon per Post zukommen lassen. Ein Nachzügler wird sich bestimmt freuen. Meine Träume sind innerhalb weniger Sekunden alle zerstört worden und ich war noch lange nicht bereit, allein zu leben. Und wenn ich es gewesen wäre, dann ganz sicher nicht unter diesen Bedingungen. Viel friedlicher hatte ich mir einen Auszug vorgestellt. Wo mir meine Mutter und vielleicht auch Phil hilft. Wo ich hätte meine Freunde einladen können, um eine Einweihungsparty zu feiern. Bei denen ich vielleicht eine kleine Topfpflanze geschenkt bekomme, um das Eigenheim schöner zu gestalten. Ich hätte eine große Wohnung gehabt, wo sich noch Beinfreiheit befindet. Ein Leben, in welchem ich mir keine Sorgen um Geld machen bräuchte. Nichts davon würde ich jemals erreichen. Jeden einzelnen Cent werde ich vorher zweimal umdrehen müssen. Immer werde ich mir genau überlegen müssen, was ich mir denn nun kaufe und ob sich die Anschaffung lohnt. So bleibt mir sogar ein Besuch in einem Restaurant versperrt und ich muss mich nun mit Pizza Hut, McDonalds, Burger King, Dunkin Donuts oder Kentucky zufrieden geben müssen. Oder einem Hot Dog-Stand an der Straßenecke. Nie werde ich in eine edle Boutique gehen können und muss mir die billigsten Läden aussuchen. Ich denke nicht, dass ich so viel verdienen werde, falls ich die Jobs kriege. Das bezweifle ich aber noch. Für niemanden bin ich gut genug. Auch die Geschäftsleitungen werden das sehen. Wer kann auch schon ein tollpatschiges, untalentiertes und unschuldiges Mädchen gebrauchen, das von nichts eine Ahnung hat? Ich könnte höchstens einen Job als Putzfrau in einem großen Konzern werden. Mehr aber auch nicht. In der Bewertung von der Schule steht zwar etwas anderes, doch was wissen die denn schon über mich? Viele benehmen sich ganz anders in der Schule und nach vier Jahren können die einen nicht so gut einschätzen.
Mich halten nur diese Gedanken vom schlafen ab. Dreiundzwanzig Uhr und um halb acht muss ich wieder aufstehen. Ich schaltete das Licht aus, legte mich einfach hin und schloss die Augen. Die Müdigkeit übermannte mich und schnell schlief ich ein.
Meine Augen taten mir etwas weh, als ich sie öffnete. Der Mund fühlte sich so trocken an und ich fühlte mich elendig, als hätte mich ein Laster überfahren. Ich würde doch wohl nicht krank werden. Das kann ich jetzt am wenigsten gebrauchen. Im Spiegel sah ich die rot umrandeten Augen. Ich hatte im Schlaf also geheult – wäre nicht das erste Mal. Oft heulte ich und bekam nichts davon mit. Dadurch wird mein Schlaf so unruhig und ich wälze mich von der einen Seite auf die anderen. Das würde dann auch erklären, warum ich mich so beschissen fühle. Doch warum hatte ich geweint? Hatte ich einfach einen schreckhaften Traum oder lag es an die momentanen Probleme? An mein verlorenes altes Leben, von dem ich mich nicht verabschieden konnte. Einfach herausgerissen, ohne jegliche Erklärung. Von heute auf morgen auf der Straße. Nichtsahnend, wie man einen Umzug vollführt und was man dafür alles benötigt. Kochen und putzen kann ich ja, das würde kein Problem werden und ich kann auch eine Waschmaschine oder Lampen installieren und funktionsfähig machen. Tapezieren ist auch kein Problem und einen Teppichboden würde ich auch noch rein kriegen, doch ich habe viel lieber Laminat. Vielleicht werde ich ja einen netten hilfsbereiten Nachbarn haben, der mir helfen wird. Doch erstmal muss ich vieles andere regeln.
Ich ging duschen und ließ durch das warme Wasser Entspannung in meinem Körper fließen. Wie hilfreich das manchmal sein kann, besonders gerade, wo ich doch schon so aufgeregt auf die Vorstellungsgespräche bin. Ich darf mich nicht zu verrückt machen, sonst werde ich zitternd dort sitzen und kein Wort herausbekommen. Schnell zog ich mich an und machte mir die Haare. Hoffentlich werden die nachher nicht so kraus sein. Vorsichtshalber auch noch etwas in die Tasche packen, damit ich die Haare richten kann, bevor ich aus dem Auto steigen werde. Noch schnell wein wenig dezent schminken. In meiner Handtasche war das ganze Geld und wichtige Papiere, wie zum Beispiel Zeugnisse, Beurteilungen, Zertifikate. Es könnte mir schließlich helfen. Aber ich bin mir sicher, dass mich keiner annehmen wird, wegen meinen Talent beim Sport. Eine Schildkröte wäre schneller als ich und ein Elefant begabter. Den kann man noch beibringen, wie man mit Bällen wirft und schießt. Ich schieße daneben und weil ich zu viel Schwung geholt habe fliege ich auch noch auf meinen Gesäß. In einem Restaurant käme das nicht gut an – nachher schütte ich noch jemanden die Suppe auf dem Anzug. Oder im Krankenhaus kommt ein Notfall rein und ich bin zu langsam und fliege dann noch über meine eigenen Füße. Nein, so eine wollen die ganz sicher nicht haben. Man würde mir höchstens den Rat geben, dass ich mich von oben bis unten komplett untersuchen lasse, um endlich meine Koordinationsstörungen zu behandeln.
Ein frischer warmer Morgenwind, der nach Gras und Blumen riecht, wehte mir im Gesicht. Die Sonne strahlte senkrecht am endlosen Himmel und versprachen einen schönen sonnigen Tag. Kein Wölkchen war zu entdecken, nur der weite Himmel, der durch die reflektierten Lichtstrahlen des Ozeans blau war. Da ich mich gerade so beeilt hatte, konnte ich vorher noch gemütlich einen Kaffee trinken gehen und fand auch gleich ein kleines, aber sehr gemütlich einladendes Café. Eigentlich ist es das Café vom Krankenhaus, aber hatten sie gemütlich eingerichtet und ich bin mir sicher, dadurch fühlen sich die Patienten viel wohler, wenn sie mal nach unten gehen. Und ich bin schon gespannt, was dieses Krankenhaus noch zu bieten hat. Von außen her sah es riesig aus. Doch ich bekam das Gefühl nicht aus meinem Körper, dass ich dieses Krankenhaus mehr von innen auf einem Zimmer, als von außen zu Gesicht bekomme. Sicher werde ich hier wegen einige Brüche oder Krankheiten drin liegen müssen. Nun ja, ich will das Unglück nicht gleich magisch anziehen. Erstmal abwarten, was auf mich heute noch alles zu kommt. Auf Station acht muss ich mich gleich melden. Dort zu der führenden Leitung. Auf dieser Station waren die einzigen freien Ausbildungsplätze. Und bis jetzt habe ich noch keine Ahnung, was für eine Station das sein wird. Sicher die Urologie oder Kardiologie. Intensiv kann ich mir nicht vorstellen, weil sie dort nur ausgebildete Fachkräfte rein lassen und die sich meistens unten befindet oder zumindest in der Nähe der OP-Säle. Vielleicht aber auch die Nephrologie oder plastische Chirurgie. Dort würden sich ganz sicher nur Männer melden. Ich hatte aber auch keine Ahnung, wie sie das hier aufteilen. Kann auch sein, dass sie sich von unten nach oben arbeiten. Oder sie schauen sich erstmal die Bewerber an und entscheiden dann, auf welche Station sie kommen und tauschen sie untereinander aus. Man darf ja auch nicht vergessen, dass sie auch Neulinge mit frischen Abschluss aufnehmen und dadurch nur begrenzt Ausbildungsplätze zur Verfügung haben. Obwohl ich glaube, dass jedes Krankenhaus für eine weitere Unterstützung dankbar wäre. Egal ob Azubi, ausgebildete Fachkraft oder nur im Zivildienst. Dann werde ich mich jetzt mal auf den Weg machen, damit ich dort pünktlich erscheine. Vorher mache ich aber noch einen Abstecher auf die Damentoilette und schaute im Spiegel. Alles ganz ordentlich. Noch einmal schnell durch die Haare kämen, mein hübschestes Lächeln aufsetzen und die Kleidung richten. Normal ist es nicht mein Stil, einen Rock und einen Blazer zu tragen, doch man soll vorzeigbar aussehen. Ja, so kann ich mich blicken lassen. Ich darf jetzt nur nicht über die Schuhe fliegen – schwarze Pumps, nur drei Zentimeter hoch. Drei Zentimeter zu viel bei meiner Koordination. Vorsichtig setzte ich einen Bein vor den anderen, behielt mich Lächeln auf dem Gesicht und betete innerlich, dass ich nichts verderben werde. Hoffentlich fällt es nicht auf, dass mein Lächeln nur gespielt ist. Denn mir war so ganz und gar nicht zu Mute zum Lächeln. Ist auch verständlich. Wer könnte glückstrahlend durch die Gegend laufen, obwohl er vor wenigen Tagen aus dem Haus geworfen worden ist? Ich ganz bestimmt nicht. So gefühlskalt bin ich nun doch nicht, dass es mich locker lässt und mir am Arsch vorbei geht.
Mit jeden Schritt den ich ging wurde ich nervöser. Ich hatte angst vor Ablehnung, einer großen Enttäuschung. Auf das, was auf mich zukommen wird und ich bei manchen Fragen keine Antwort weiß oder mir die Gesichtszüge entfallen. Man darf mich nicht auf mein Problem ansprechen, dann würde ich einen Heulkrampf bekommen und ein weichliches Mädchen, die nichts Stand halten kann, werden sie sofort nach Hause schicken. Ich muss über schöne Dinge nachdenken. Einen Strand voller Sonnenschein und pudriger Sand. Türkises Meerwasser, in welchem bunte Fische schwimmen. Großes Korallenriff, wo sich kleine Fische vor den Ungeheuern des Meeres verstecken, um sich zu schützen. Der Great Barrier Reef. Eines meiner Traumziele, welches ich nie erreichen werde. Zumindest nicht in den nächsten zwanzig Jahren. Und schon wieder denke ich an die Situation. Ich sollte mich auf den heutigen Sonnenschein freuen. Wenn ich Zeit finde, werde ich mal einen Park aufsuchen. Dort kann ich mich auf eine Bank setzen und ein Buch lesen, so wie ich es schon immer gerne gemacht habe. Gebeugt über mein Buch, die Sonnenstrahlen heiß auf meinen Kopf und dem Gesicht. In solchen Momenten vergesse ich die Welt um mich herum und bin in dem Buch versunken. Es kommt mir dann alles so real vor und ich fühle mich, als sei ich ein Teil dieser erfundenen Welt. Meist wenn ich eine volle Blase spüre oder der Magen knurrt, bekomme ich erst wieder mit, dass es auch noch andere Menschen um mich herum gibt. Manchmal wurde ich auch schon angesprochen und habe mich dann mit den Personen unterhalten. Aber meist waren es Mütter oder ältere Frauen, die von Kindern und Enkelkindern vor schwärmten. Damit konnte ich natürlich recht wenig anfangen, aber manche brauchen ein offenes Ohr und es ist schön zu sehen, wie sich Menschen auch nur ein Gedanke an etwas erfreuen. War ich zu gutherzig gewesen und ist das nun meine Strafe dafür? Nun benötige ich die Hilfe in Not. Schon wieder die falsche Richtung, die ich einschlage. Mittlerweile war ich ja auch oben angenommen und hatte gar nicht darauf geachtet, auf was für einer Station wir sind. Doch dieses laute Schreien ließ mich nichts Gutes erahnen. Ich zupfte nochmal an meine Kleider und meine Haare und klopfte zittrig an die Tür. Eine dunkle Männerstimme rief herein. Hoffentlich wird alles gut. Ich bete dafür. Es muss alles klappen. Wahrscheinlich war ich gerade auch sehr rot im Gesicht, weil mir die Situation peinlich war. Toller erster Eindruck. Mit langsamen Schritten ging ich in das Büro. Auf mein Glück.
Fragen, antworten, fragen,antworten – so ging es die ganze Zeit. Doch vorher hatte er sich noch mal meine Unterlagen angesehen und schien nicht enttäuscht zu sein. Im Gegenteil, das was er las, schien ihn wohl sehr zu gefallen. Als hätte er so etwas schon lange nicht mehr gesehen. Doch dann kam die Situation, vor der ich mich am meisten gefürchtet habe. Ich sollte etwas aus meinem Leben erzählen. Was hatte ich schon zu bieten, außer das ich mich ehrenamtlich in der Kirche engagiert habe oder auch mal im Altenheim oder Kinderheim ausgeholfen habe. Und dann kam der Moment, wo ich von meinem Rauswurf erzählt habe. Sein Gesicht hatte einen bemitleidenden Gesichtsausdruck bekommen – er fühlte mit mir. Allein von seinem Aussehen her war er mir schon sympathisch. Goldblonde Haare und blaue Augen. Schlanke, aber dennoch sportliche Figur. Groß, etwas blass und sah recht jung aus. Ende zwanzig, älter würde ich ihn nicht schätzen. Geschäftlich trug er noch seinen Arztkittel. Er ist leitender Chefarzt hier, arbeitete auf der chirurgischen Station und ist auch für neue Auszubildende verantwortlich. Doktor Efron gefiel mir und er ist sicher ein prima Chef und bestimmt hat ihn jeder gern. Allein in den dreißig Minuten konnte ich erkennen, dass er eine sehr mitfühlende Art hat. Und am Ende stahl sich ein aufrichtiges und ehrliches Lächeln auf meinen Gesicht. Die Stelle habe ich sogar bekommen. Ab dem ersten Juli kann ich anfangen. Viermal die Woche müsse ich arbeiten und zwei Tage auf eine Schule gehen und fleißig lernen. Und durch meine mitfühlende und aufmerksame Art bekam ich die Ausbildung als Krankenschwester auf die Entbindungs- und Säuglingsstation. In Denver waren diese Bereiche getrennt, hier lagen sie zusammen. Zimmer für die Schwangeren und frisch gewordenen Mütter, Kreissaal und dann das warme Zimmer für die Neugeborenen und eines für die Frühchen, welche im Brutkasten liegen müssen. Aber hat er mich nur aufgenommen wegen meine Qualitäten - welche er sehr bemerkenswert fand - oder hatte er einfach nur Mitleid, weil ich komplett ohne finanzielle Mittel da stand und er mir helfen möchte? Jedenfalls habe ich einen Job und es hat sich doch gelohnt, hier hin zu fahren. Nicht mal meine Tollpatschigkeit, welche in der Beurteilung stand, machte ihn etwas aus. Er meinte nur, man müsse mir etwas Wertvolles in die Hände geben und anvertrauen dann ist man automatisch vorsichtiger und gewöhnt sich an die bedachten Schritte und lernt damit umzugehen. Und das soll helfen, damit ich nicht andauernd Dinge fallen lassen oder fliege? Ich bin mal gespannt. Selbst wenn der heutige Tag beschissen laufen sollte, habe ich doch allen Grund mich zu freuen. Wenigstens einen Erfolg habe ich mir heute am Land gezogen.
Vor Glück hätte ich tanzen und springen können. Anscheinend war ich doch für etwas nützlich. Aber um mir die Peinlichkeit zu ersparen, schaute ich lieber auf den Boden und lächelte nur vor mich hin. Kaum zu glauben, ich hatte einen Job. Mit meinen jungen achtzehn Jahren war ich zu doch etwas fähig. Und der Arbeitsvertrag war unterschrieben und der Tariflohn geklärt. Wenig würde ich hier nicht verdienen, das stand fest. Aber noch nicht genug, um mich über Wasser halten zu können. Ein zweiter Job muss sein. Doch sollte ich das nächste Vorstellungsgespräch verhauen, habe ich wenigstens eine Beschäftigung und kann ein neues Leben aufbauen. Wie viel man in nur wenigen Tagen doch erreichen kann. Und egal was heute noch kommt, ich werde mir einen Restaurantbesuch gönnen.
Ich bekam gar nicht mit, wohin ich lief. Hörte nur Getuschel anderer Leute. Doch auf einmal lief ich in jemanden rein.
„Entschu …“, wollte ich sagen, doch mir blieben die Worte im Halse stecken, als ich zu der Person aufsah. Solch eine Schönheit habe ich noch nie gesehen. Und genau jetzt habe ich mich gerade richtig blamiert und wurde prompt rot im Gesicht. Die Kinnlade bekam ich einfach nicht hoch, um meinen Mund wieder zu schließen.
„Entschuldigung. Ich war in Gedanken versunken.“, sagte die sehr samtene leise Stimme dieses Mannes, welche trotzdem Autorität ausstrahlte. Und jetzt lächelt er mich auch noch an. Mir blieb der Atem stehen. Gleich würde ich einen Anfall bekommen. So viel Schönheit erträgt kein einzelner Mensch. Der bronzefarbene Schopf auf seinem Kopf glänzte im Licht. Er war groß und schlaksig und seine blauen Augen funkelten wie Edelsteine. Die Lippen waren schmal und die Nase gerade geformt, welches sein Gesicht noch schöner wirken ließ. Und dieses Lächeln ließ ihn zum Knuddeln aussehen. So bezaubernd und aufrichtig.
„Nein … nein … war meine Schuld.“ Ich schluckte einmal schwer. „Ich hätte besser aufpassen sollen, wo ich hin laufe.“ Man, Nessa. Jetzt machst du dich gerade zum Vollidioten, in dem du die Wörter nur so vor dich herunter lispelst und dabei auch noch stotterst. Trotzdem stand er immer noch lächelnd vor mir und brachte mein Herz zum Rasen. Gleich ist es mit mir vorbei. Ich erleide einen Herzstillstand. Oder vorher kommt noch der Atemstillstand. Beides kämpfte darum, mich endlich aus diesem Leben zu reißen.
„Entschuldigung nochmal.“, sagte er, wandte den Blick von mir und verschwand in Richtung Aufzüge. Das war der süßeste Typ den ich je gesehen habe und ich starrte immer noch in die Richtung, in welche er verschwand. Zu sehen war er nicht mehr. Wenigstens wusste jetzt ein Mensch, dass er mich meiden sollte. Sicher würde er mir nicht noch einmal Beachtung schenken, sollte man sich wieder über den Weg laufen. So einer wie er war sicher vergeben und findet auch keinen Gefallen an durchschnittlichen Mädchen. Er war bestimmt die höhere Klasse gewöhnt. Was er wohl im Krankenhaus möchte? Ich könnte viel darüber nachdenken und sämtliche Theorien aufstellen. Doch eines wundert mich sehr. Wieso mache ich mir so viele Gedanken über einen fremden Mann? Wieso konnte ich den Blick nicht von ihn nehmen? Warum hat er mich so verführerisch angelächelt, dass mich beinahe in den Tod geschickt hätte? Ob ich ihn jemals wiedersehen werde? Seit wann mache ich mir überhaupt Gedanken über Männer? Für mich sind sie alle Tyrannen, die den Frauen nur wehtun wollen. Sadisten, die nur darauf warten ihr nächstes Opfer zu finden, welche sie schmerzvoll am Boden liegen sehen wollen. Nach Freiheit bettelnd. Aber dieser Mann schien etwas in mir geweckt zu haben, was ich nicht identifizieren kann. Was für ein Gefühl war das? Seine Schönheit war atemberaubend und die Stimme lieblicher als jedes Kinderlied. Sie könnte einen sofort in den Schlaf wiegen. Mir ging er nicht mehr aus dem Kopf. Er brachte mein Herz zum Schlagen, zum Lachen. Vergessen waren die letzten fünf Tage. Auf einmal sind sie mir egal. Die Wunde im Herzen verschlossen, die Blutung gestillt. Munter drehte es Purzelbäume und überschlug sich einige Male. Das Eis, welches ich darum errichtet hatte, war von einer Sekunden zur anderen geschmolzen. Ich wollte ihn einfach nur noch wieder sehen. Würde ich ihn wieder begegnen? Irgendwie tat es weh nicht zu wissen, ob er mir jemals wieder über den Weg laufen würde. Was waren das für Gefühle, die sich in meinem Körper ausbreiteten? Ich kannte sie nicht. Sie waren mir völlig fremd und neu. Aber ich werde es herausfinden.
Die Fahrt war nicht lang genug, um diesen jungen attraktiven Mann aus meinen Kopf zu bekommen. Bei so einen wie ihnen werde ich niemals eine Chance haben. Den kann ich mir eigentlich gleich aus dem Kopf schlagen, wenn es nur klappen würde. Denn er hatte sich bereits dort eingenistet und fühlte sich wohl in meinem Gehirn. Ständig tauchte sein Bild vor meinen Augen auf. Ich kann nur hoffen, dass ich gleich das Vorstellungsgespräch nicht vermasseln werde, weil meine Gedanken um ihn kreisen. Ich muss versuchen, mich auf eine weitere Befragung vorzubereiten. Warum will er nur nicht aus meinen Erinnerungen verschwinden? Wieso muss ich mir gleich unerreichbare Ziele ausmalen? Hätte ich nicht fünf Minuten früher das Krankenhaus verlassen können? So kann ich mich dort nicht blicken lassen. Was soll denn der Geschäftsführer von mir denken, wenn er meine abwesende Person bemerkt? Er schickt mich gleich nach Hause. Konzentriert dich Nessa, sagte ich zu mir. Schließlich muss das jetzt sein. Ich habe zwar noch genügend Zeit, aber vielleicht kam ich ja früher zum Geschäftsführer, als eigentlich die Uhrzeit sagt. Und wenn nicht, habe ich immer noch ein Buch zum Lesen dabei. Tief ein- und ausatmen. Du hast gerade ein Vorstellungsgespräch erfolgreich gemeistert, dann wirst du auch das zweite hinter dich bringen können. Ich sollte mir dringend professionelle Hilfe suchen. Jetzt rede ich schon mit mir selber, auch wenn es nur in Gedanken ist.
Ich meldete mich an der Rezeption, so wie es mir am Telefon gesagt worden ist. Doch mir wäre es lieber gewesen, hätte ich es nicht getan. Ich hatte heute schon so viel Schönheit gesehen, dass es jetzt zu viel wurde, als ich die langhaarige Blonde am Empfang sehen musste. Ebenfalls goldblonde gewellte lange Haare, die ordentlich nach hinten zusammen gebunden waren. Die blauen Augen sahen aus wie der weite Ozean. Es passte zu ihr. Eine Figur, von der jedes Mädchen nur träumen kann. Gertenschlank und mit ihrer Größe könnte sie locker als Topmodel arbeiten. Warum verschwendet die ihre Zeit dann hinter einem Empfangstresen?
Sie rief wohl den besagten Geschäftsführer an und drehte sich kurze Zeit später wieder zu mir um. Mit ihrem fröhlichen Lächeln deutete sie auf einen Gang hin, der zu den Fahrstühlen geht und sagte mir, dass ich in den zweiten Stock fahren solle. Dort dann links entlang und an der letzten Tür auf der rechten Seite des Ganges soll ich dann klopfen. Anscheinend hatte der Mister wohl Zeit für mich. Was würde der Tag heute noch mit sich bringen? Er schien voller Überraschungen zu stecken und so langsam frage ich mich, ob ich mir nicht vielleicht die falsche Stadt ausgesucht habe. Die Leute hier sind einfach zu schön um wahr zu sein. Dr. Efron, der fremde Mann und nun die Empfangsdame, auf deren Namensschild R. Hale stand. Wenn jetzt auch noch die Geschäftsleitung gut aussieht, werde ich garantiert umkippen.
Schon auf dem Gang kam mir ein Mann entgegen. Etwas älter, vielleicht um die vierzig. Glatze, blank poliert. Ich würde auf die ein Meter achtzig schätzen und schlank. Nun ja, er war nicht ganz so attraktiv.
„Sind Sie Ms Hudgens?“, fragte er ganz höflich. Oh je. Das war doch wohl nicht die Geschäftsleitung? Ein Namensschild trug er nicht. Und ich hatte auch keine Ahnung, wie er aussehen würde. Schnell setzte ich wieder mein Lächeln auf.
„Ja.“
„Ich bin Mr Delfino, die Hotelleitung. Kommen Sie doch bitte mit in meinem Büro.“ Oh shit. Durch meinen nachdenklichen Gesichtsausdruck – welchen ich ganz bestimmt hatte –, habe ich mir nicht gerade besonders gute Chancen gemacht. Wenigstens schickte er mich nicht sofort nach Hause. Das soll doch etwas Gutes heißen, oder? Ich weiß ja nicht, wie er ein Bewerbungsgespräch führt. Jeder wird es anders machen und meine erste Erfahrung gerade im Krankenhaus wird nicht ausreichen, um einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Er setzte sich hinter seinem Schreibtisch und bat mich, auf einen der Stühle vor den Tisch Platz zu nehmen. Dann möchte ich mal schön brav auf ihn hören und auch ihn alle Fragen beantworten, so wie ich es gerade bei Dr. Efron gemacht habe. Und prompt kam auch die Aufforderung, dass ich ihn meine Unterlagen bitte geben soll. Genaustens schaute er sie sich durch. Dann bin ich mal gespannt, was bei diesem Vorstellungsgespräch rauskommen wird.
Scheint heute wohl mein Glückstag zu sein. Woran das wohl liegt? Bin ich doch besser, als ich bisher dachte? Oder wollte mir das Schicksal etwas schenken? Hat vielleicht mein Gebet gestern Mittag geholfen? Egal. Zwei unterschriebene Verträge. Der eine für eine Ausbildung, damit ich wenigstens einen Beruf erlerne und mein Vertrag als Kellnerin gilt erstmal für sechs Monate. Und der Lohn kann sich auch blicken lassen, dafür, dass ich unerfahren bin. Sie schienen wirklich dringend jemanden gesucht zu haben und auch einer unqualifizierten Kellnerin würde er den gleichen Lohn geben, wie einer qualifizierten. Hinzu kam, dass es ein Luxushotel ist und für mehr Arbeit auch mehr Geld bezahlt wird. Der kann sich darauf verlassen, wie hart ich arbeiten werde. Und mit dem Geld, kann man sich einiges leisten. Davon kann ich ganz sicher meine Miete, Strom- und Wasserrechnung zahlen. Die Steuern können davon abgezogen werden und es bleibt am Ende noch genügend übrig, um davon leben zu können. Schlecht habe ich es hier nicht. Das muss ich mir selber eingestehen. Ich fühlte mich auf einmal wohl. Und ziemlich stark. Es baut mich auf zu wissen, dass ich einen sicheren Arbeitsplatz habe und selbstständig davon leben kann. Eine Grundvoraussetzung hatte ich schon mal geschafft. Fehlte nur noch die Wohnung, um die ich mich gleich kümmern werde. Und da ich nun wusste, wie viel ich verdienen würde, konnte ich mir auch dementsprechend eine Wohnung vorstellen. Ab Montag müsse ich im Hotelrestaurant anfangen. Erstmal unter Aufsicht und auch Begleitung einer Oberkellnerin, die mir alles lehren wird. Doch dieser Monat wird schon bezahlt werden, wenn auch nur mit der Hälfte. Das ist mehr als genug. Ich hatte ja noch Geld übrig, womit ich mich erstmal über Wasser halten kann. Ich war Dr. Efron dafür dankbar, dass er mir meine Arbeitszeiten und den Schulplan schon ausgehändigt hat. Somit konnte die Oberkellnerin – die mir gleich vorgestellt worden ist – darauf achten, dass meine Arbeitszeiten getrennt liegen und man nicht zum Beispiel um acht Uhr Morgens im Krankenhaus anfangen muss und um zehn Uhr Vormittags im Restaurant. Das würde nicht hinhauen. Natürlich war dies auch kein Problem für sie. Das machte sie sogar gerne. Sie ist nur froh, dass endlich Verstärkung im Team ist. Somit musste ich nun von vierzehn bis zweiundzwanzig Uhr kellnern. Die Arbeitszeiten später im Krankenhaus werden von sechs Uhr morgens – frühes Aufstehen kann ich schon mal lernen – bis dreizehn Uhr sein. Das heißt, ich werde den ganzen Tag auf Trab sein. Aber das mache ich gerne. Es ist ja schließlich für mein eigenes Leben und wenn ich möchte, dass es mir gut geht, dann habe ich dafür auch zu kämpfen und zu arbeiten. Diese Stadt ist einfach großartig. Hier wimmelt es nur von hübschen Leuten und alle sind sehr freundlich. Man gibt sogar den hoffnungslosen Fällen – so einen wie mich – eine Chance auf einen Beruf. Ich war so glücklich und froh. Aber eine Erinnerung störte mich. Dieser Mann. Wäre ich ihm doch bloß hinterher gelaufen und hätte ich angesprochen. Dafür wäre ich viel zu feige gewesen. Der Tag hatte es in sich und er ist gerade mal halb um. Was soll ich bloß machen, um diesen Typen aus den Kopf zu bekommen. Er beansprucht mein ganzes Gehirn. Kaum ein Gedanke handelte nicht von ihn. Wie alt er wohl ist? Ob er in dieser Stadt wohnt? Wie heißt er wohl? Welche Lieblingsfarbe hat er? Ob er wohl vergeben ist? Was sind seine Hobbies? All solch belanglosen Fragen schwirren mir durch den Kopf. Und ich könnte eine Antwort darauf finden, wenn wir uns wieder über den Weg laufen und er mich zufälligerweise ansprechen sollte und wir uns in einem Gespräch verwickeln. Denkt er wohl gerade an mich? Bestimmt nicht. Wie soll so einer wie er auch nur? Keiner verschwendet auch nur einen Gedanken an mich. In mir hatte sich schon zu viel Hoffnung breit gemacht. Dabei weiß ich, dass ich ihn nie wieder sehen werde. Was war ich doch nur für ein dummes verletzliches Mädchen. Hoffnung auf einen Mann zu haben und sich gleich ein ganzes Leben mit ihn vorzustellen, obwohl man ihn nicht kennt. Sehr dumm von mir. Aber ich hatte anderes zu feiern. Und nun werde ich auch den weiteren Tag hinter mich bringen auf die Hoffnung, noch mehr Glück zu haben.
Ich fühlte mich wie neu geboren. Einfach stark genug, ohne Hilfe allein leben zu können. Ich brauchte sie nicht. Ganz allein habe ich mir Jobs an Land gezogen und ein Dach über dem Kopf gefunden. Sehr beeindruckend die Wohnung und auch nicht weit von den Arbeitsplätzen entfernt. Doch das Beste ist, dass Die Wohnung renovierst ist und schon eine Küche mit Spülmaschine besaß. Fußbodenheizung. Böden waren mit Laminat belegt, die Wände hatten schon Tapeten dran und Decken ihre Lampen und dann sind die Mieten noch so billig. Mit vierhundertfünfzig Dollar für siebzig Quadratmeter, dazu noch Strom und Wasser – was nicht viel werden wird –, kann man nicht meckern. Somit brauchte ich nicht mehr viel. Waschmaschinen und Trockner waren im Keller, somit hatte ich mir auch diese Anschaffung erspart. Und das Schöne daran war noch, dass ich sofort einziehen konnte. Besser ging es nicht. Die Maklerin hatte sofort den Vertrag fertig gemacht, den ich mir gründlich durchgelesen habe und ihn dann auch unterschrieben. So ein Angebot bekommt man nicht zweimal. Und die Wohnung gefällt mir. Einfach traumhaft. Nicht nur, dass schon vieles ausgestattet war, auch war die Aussicht ganz schön. Nicht weit entfernt war ein kleiner Park. Somit konnte ich gleich die ganzen Kartons ausladen und hatte ein leeres Auto. Da es noch früher Nachmittag war, fuhr ich sofort zur Bank und erstellte ein Konto. Mein Geld draufzahlen könnte ich schon, doch behielt ich erstmal fünftausend Dollar für mich, da ich danach sofort zu einem Baumarkt fuhr. Ich brauchte noch Ausstattungen für das Badezimmer, eine Bohrmaschine und Gardinen- und Vorhängeleisten. Hat mich auch nicht viel gekostet. Gleich darauf ging ich zu dem Möbelgeschäft neben an und schaute mich nach einer passenden Einrichtung für mich um und wurde auch gleich fündig. So brauche ich später nicht nach meiner Mutter und Phil zurückfahren und kann ihre Blicke vermeiden. Nun ja, etwas verschwenderisch war ich schon. Für ein komplettes Schlafzimmer tausend Dollar. Für das Wohnzimmer ebenfalls tausend Dollar. Die ganze Küchenausstattung, mit allen Geräten, Besteck, Geschirr, Rührschüsseln und … und … und nochmal tausend Dollar. Eine kleiner Esszimmertisch mit zwei Stühlen für vierhundert Dollar. Und dann nochmal Farbe und dazu noch Farbrollen zweihundert Dollar. Nun war ich aber ausgestattet. Ich ließ alles zu meiner neuen Wohnung liefern und da es ihr Service auch noch verlangt, brachten sie die schweren Kartons in die Wohnung. Aufbauen werde ich schon selber können. War zwar etwas kostspielig, aber ich hatte es mir teurer vorgestellt und ich bin froh, dass ich überhaupt etwas gefunden habe. Nun aber reißte ich erstmal die Schweißfolie von der Couch ab und setzte mich dort hin. Es war doch ein langer Tag, aber mit sehr viel Erfolg. Innerhalb eines Tages habe ich mir ein komplettes neues Leben geschaffen. Fehlt nur noch eines zum Glück. Eine Familie und Freunde. Die habe ich leider nicht mehr. Niemand kann sich mit mir freuen. Und hinzu kommt nun auch, dass ich einen Unbekannten getroffen habe, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Was soll ich bloß machen? Wie soll ich mit den gemischten Gefühlen umgehen? Liebend gern würde ich jetzt bei jemanden Rat suchen, der dies schon mal miterlebt hat. Aber ich muss selber mit meinen Hochgefühl und auch zugleich Traurigkeit klar kommen. Alles, was ich haben will, ist unerreichbar für mich. Das Leben kann echt beschissen sein, hätte es nicht doch noch wenige schöne Seiten.
Weil der Tag noch jung ist, machte ich mich nun fertig und fuhr zum Restaurant, um eine leckere und richtige Speise zu mir zu nehmen.
Renovierungsarbeiten
Mit Kopfschmerzen wachte ich auf. Ich muss wohl noch sehr lange wach gewesen sein, denn als ich das letzte mal auf die Uhr blickte, war es kurz vor drei in der Nacht. Mir ging der Unbekannte einfach nicht aus dem Kopf. Nicht nur, dass er mir tagsüber schon die Gedanken raubt, nun auch noch Nachts. Und wie soll ich ihn finden? Darauf hoffen, dass er mir eines Tages wieder über den weg läuft? Die Chancen sind nur minimal. Eine Anzeige in der Zeitung aufgeben? So was las er bestimmt nicht. Damit hatte ich also null Chancen ihn wieder zu sehen. Dabei würde ich ihn so gern kennenlernen. Wenn ich nur an sein Lächeln denke, bekomme ich schon ein kribbelndes Gefühl und mein Herz pocht gegen meinen Brustkorb. Ein Blick in seinen Augen hat gereicht und ich stellte mir schon die rosaroten Wolken vor, auf denen wir gemeinsam schweben. War das Liebe auf den ersten Blick? War ich in ihn verliebt? Ich weiß nicht genau, was Liebe ist. Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Und sollte es wirklich Liebe sein, dann nur eine Oberflächliche. Ich hatte nur sein Aussehen betrachten können. Den Charakter kannte ich nicht. Allem Anschein nach ist er aber höflich. Er entschuldigte sich und lächelte auch noch dabei. Galt dieses Lächeln mir? War es für mich bestimmt oder doch eher für jemand anderes? Vielleicht hat er mich ausgelacht, weil ich so dumm bin und andere Menschen anrenne. Wenn es Liebe ist, wieso tut sie auch gleichzeitig weh? Warum ist sie so schön, aber gleichzeitig auch so quälend? Sie scheint so nah zu sein und doch ist alles so fern – unerreichbar.
Seufzend stand ich auf und begab mich auf den Weg zum Karton, um mir alte Kleidung da raus zu suchen. Auf mich wartet noch ein langer Tag und das Essen von gestern liegt mir noch schwer im Magen. Ich hatte mich so frei gefühlt. Selbstständig und selbstbewusst. Liebend gern würde ich meiner Mutter und besonders Phil mal zeigen, wie weit ich es innerhalb von einem Tag geschafft habe, nur um ihnen eins auszuwischen. Ihnen würden die Augen raus fallen. Das hätten sie ganz sicher nicht von mir erwartet. Nachher müsste ich noch restliche Besorgungen machen. Mit meiner Euphorie gestern habe ich die Hälfte vergessen. Ich brauche Putzzeug und Lebensmittel. Später werde ich mir eine Telefon- und Interneverbindung anlegen. Das Telefon werde ich mir schon mal kaufen gehen. Doch erstmal habe ich anderes vor. Die Möbel standen in dem großen Wohnzimmer, Karton auf Karton gestapelt. Die würden erst morgen aufgebaut werden, da ich gleich erstmal das Schlafzimmer und das Bad streichen werde. Doch am besten fahr ich erstmal zum Supermarkt und in andere Läden, damit ich das gleich hinter mir habe und ich nicht noch mal los muss. Und ein Telefonbuch muss ich mir auch anschaffen, damit ich eine Nummer von einer Pizzeria oder einem China-Restaurant habe, die mir dann leckere Sachen liefern können. Zum Kochen werde ich heute noch nicht kommen. Und normal erlaube ich es mir nicht, mich so gehen zu lassen. Dann werde ich doch mal schnell die restlichen Einkäufe erledigen.
Es dauerte nicht lange, bis ich wieder mit einem voll bepackten Wagen zurück war und alles hoch in meine Dachgeschosswohnung trug. Schnell zog ich mir alte Klamotten an und deckte den Boden mit Abdeckfolie ab und beklebte die Rahmen, damit keine Farbe auf den Boden kommt oder ich aus Versehen den Rahmen streiche. Mein Schlafzimmer würde ich in einem hellen Braunton streichen . Die Farbe passt gut zu mir und lässt den Raum warm wirken. Nicht erdrückend, aber auch nicht aufgeweckt. Der perfekte Ton um einen in den Schlaf bringen zu können.
Danach hatte ich schnell das Badezimmer gestrichen. Viel gab es da auch nicht. Innerhalb von zehn Minuten war es fertig. Die freien Stellen, welche vorher mal weiß waren, sind nun Ozeanblau. Durch die weißen Fliesen musste mal ein bisschen Farbe rein. Auch hatte ich dann die Badezimmermöbel schnell aufgebaut und schon einsortiert. Im Schrank unter dem Waschbecken waren nun die Putzmittel. In dem größeren Schrank Badetücher, Handtücher und all das. Der Spiegelschrank war auch schon gut bestückt. Am Ende hatte ich wenigstens einen Raum schon mal fertig.
Schnell war dies erledigt und ich hoffe, dass heute Abend alles trocken sein wird, damit ich dann noch die Möbel aufstellen kann. Ich kann es kaum erwarten, alles fertig zu haben. Während also die Farbe trocknen musste, räumte ich die Küchenschränke ein. Der Nachteil an dieser Küche ist, dass sie offen war und der ganze Geruch ins Wohnzimmer zog, wenn man mal kocht. Aber wann werde ich wohl schon zum Kochen kommen? Demnächst bin ich von Morgens bis Abends arbeiten und danach werde ich sicher nur noch tot ins Bett fallen können.
Auch Raum Nummer zwei war schnell erledigt und schon einsatzbereit und die Kaffeemaschine lief schon auf Hochtouren. Nun konnte ich erstmal wenig machen. Das Wohnzimmer müsse ich morgen machen. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass wir schon fünfzehn Uhr haben. Wie schnell die Zeit doch vergeht. Man muss nur genug Ablenkung haben, damit man sich keine Gedanken über tyrannische Stiefväter, enttäuschende Mütter oder unbekannte Männer macht. Dafür hatte ich jetzt die Zeit, aber vorher bestellte ich mir noch eine Pizza. Mir wurden viele neue Türen geöffnet, aber manche scheinen verschlossen zu sein. Ich würde gerne mein Glück mit jemanden teilen und habe doch niemanden. Ob ich schnell Anschluss finden werde? Einen Nachbarn war ich schon begegnet und er hatte mich glatt auf einen Kaffee eingeladen. Seine Bitte habe ich dankend abgelehnt. Ich wollte nur einen Kerl – ihn. Den, der für mich nie erreichbar sein wird. Der mich niemals genug beachten würde. Was wohl sein Lächeln zu bedeuten hatte? Es fesselte mich und wieder bekam ich kaum Luft. Mein Herz rast schon die ganze Zeit, wenn ich an ihn denke. Wie fesselnd seine Art wohl erst sein muss? Bestimmt ist er ein gut erzogener junger Mann. Die beste Schulausbildung genossen und an sämtlich Etiketten teilgenommen. Seine Eltern möchte ich gerne mal kennenlernen. Was denke ich nur bloß? Warum mache ich mir so viele Gedanken über ihn? Er wird niemals Interesse an mir haben. Ich werde ihn nie wiedersehen. Und nur wegen seines Aussehens sollte ich ihn nicht lieben. Das ist oberflächlich und so bin ich nicht. Mir sind die inneren Werte wichtiger. Jeder kann sich mal in einen gutaussehenden Jungen vergucken und an ihn Gefallen finden. Deshalb muss es nicht gleich Liebe sein. Doch was bedeutet das Bauchkribbeln und die rosaroten Wolken? Ist das nicht meist ein Anzeichen für Liebe? Anscheinend wollen meine Hormone einen Streich mit mir spielen. Eine andere Erklärung habe ich nicht dafür. Sie wollen mir zeigen, dass ich nicht allein sein muss in diesen Leben. Sie wollen zeigen, dass es auch noch das andere Geschlecht gibt. Ich war ihnen wohl zu lange allein. Vielleicht hat Gott auch mich in die Arme dieses Mannes getrieben. Ach, er selber ist Gott. Ein lebendiger Adonis. Seinen nackten Oberkörper möchte ich nicht sehen. Unter seinen Klamotten kann er nur noch besser aussehen.
Na toll. Soweit bin ich innerhalb weniger Stunden gesunken, dass ich ihn mir auch schon nackt vorstelle. Na prima. Ich sollte mich einer Gehirnwäsche unterziehen lassen. Wer ist er denn schon? Ein reicher verwöhnter Bengel, der sicher mit den Frauen spielt. Ein Macho wie jeder andere Typ auch. Er sollte es nicht wert sein, dass man so viel an ihn denkt. Aber seine funkelnde Augen gehen mir nicht aus dem Kopf. Sie strahlen so viel Intensität und auch Freude und Liebe – was mich am meisten überrascht – aus. Bestimmt hat er da an seine Freundin gedacht. Wieso sollte er sonst ein Krankenhaus besuchen? Sicher würde er niemals seine Oma oder seine Eltern auf einem Zimmer besuchen gehen. Mein Gehirn ist kurz davor zu platzen. Wenn ich weiter an ihn denke, wird es innerhalb von drei Tagen zerstört sein.
Meine Pizza kam schnell angeliefert und sie schmeckte gut. Nun hatte ich auch schon eine Lieblingspizzeria in der Stadt. Viel Salami und Käse drauf, so wie ich es mag.
Abends war die Farbe an den Wänden im Schlafzimmer trocken, sodass ich kurz entschlossen auch dort noch die Möbel aufstellte, alles einräumte und dekorierte. Die Stange für den Vorhang würde morgen angeschraubt werden. Jetzt war das Licht viel zu dunkel dafür. Und weil ich so verrückt bin und es nicht eilig genug haben konnte, deckte ich alles im Wohnzimmer ab und strich die Wände in einem fröhlich wirkenden Orangeton. Eine Wand war in Gelb gehalten. Im Schlafzimmer hatte ich das Fenster geöffnet und würde so schlafen. Dann ist der Geruch nicht so intensiv und habe morgen Früh keine Kopfschmerzen. Ich komme mir gerade wie ein Kind vor, das zum ersten Mal ohne die Eltern auf Reisen ist. So sehr freue ich mich. Neues Heim und neue Jobs. Ein geregeltes Leben baut sich auf. Fehlt nur noch der Partner an meiner Seite. Wie ich diesen unbekannten Kerl verfluche. Ausgerechnet jetzt müssen meine Hormone zum Leben erwecken und die Libido schreit geradezu danach, einen Typen verführen zu wollen. Nun kann ich auch die ganzen Jugendlichen verstehen. Aber bei mir wird es nicht soweit kommen. Dafür sorge ich persönlich. Ist es schön in meinen neuen Bett zu liegen und hier einzuschlafen. Auf das ich schöne Träume habe.
Munter und gut gelaunt wachte ich am Sonntag auf. Diesmal gab es keine schlaflose Nacht, weil ein gewisser Herr einen daran hindert. Um den Tag auch noch gut zu starten, ging ich gemütlich warm duschen und machte mich danach auf den Weg zu einem Becker – wenn man mal einen fand. Doch zum Schluss mussten ich mir die Brötchen aus dem Supermarkt kaufen. Aber dadurch lasse ich mir nicht die Laune verderben.
Als ich zu Hause ankam sah ich, dass nebenan in dem Haus welche einzogen. Wie komisch es sich anhört, wenn ich von meinem Zuhause rede. Mutterseelenallein, ohne Freunde oder Familie. Daran muss man sich erstmal gewöhnen. Es wäre doch anders geworden, wenn ich in einem Studentenwohnheim gelebt hätte. Dort hätte ich eine Mitbewohnerin gehabt und es wäre immer viel los gewesen. Nicht nur die Studentenpartys, die ich ganz sicher gemeidet hätte. Hier kann ich machen was ich will. Nackt durch die Wohnung rennen oder im Fernseher gucken was ich möchte. Hier bestimmt keiner mein Leben.
Gemütlich schmierte ich mir an der Anrichte meine Brötchen und setzte mich damit in mein Schlafzimmer. Das Brettchen stand auf den Nachttisch und in einer Hand hielt ich ein Buch. Zum tausendsten Mal las ich mir gerade Harry Potter durch. Der arme Junge hat ein schlimmeres Schicksal hinter sich als ich. Er lernte seine Eltern nie kennen, weil sie zu früh sterben mussten. Mein Vater ist auch zu früh gestorben, doch konnte ich wenigstens noch Briefe mit ihm schreiben. Das wäre bei den wohl schlecht gegangen. Habe noch nie davon gehört, dass jemand versucht Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen. Gläserrücken wäre da eine Möglichkeit, doch das ist viel zu gefährlich. Würde ich selber nicht ausprobieren. Eher würde ich bei dem Gedanken in die Hose machen. Allein die Vorstellung, ich könnte mit irgendwelchen Leuten an einem Brett sitzen und meinen Finger auf einen Glas liegen haben, macht mich schon ganz ängstlich. Ich bin sehr anfällig für gruseliges Zeug. So etwas darf man mir nicht vor der Nase halten, dann bekomme ich gleich Panikattacken.
Nach dem Frühstück spülte ich schnell ab. Dann machte ich mich daran, die Möbel für das Wohnzimmer aufzubauen und am Ende konnte sich das Ergebnis sogar zeigen lassen. Fernseher stand in der Wohnwand und wurde gleich angeschlossen. Ich suchte mir einen Musiksender raus. So ganz ohne Unterhaltung macht Ein- und aufräumen keinen Spaß.
Ich nahm mir die Kartons vor und sortierte erstmal die Ordner mit Dokumenten, alten Rechnungen und Briefen in den Schrank. Dann kamen die Bücher ins Regal und auch die DVDs und CDs sortierte ich alphabetisch ein. In die Glasvitrine stellte ich Bilderrahmen mit Kinderfotos von mir. Was anderes hatte ich auch nicht da, was ich dort reinstellen könnte. Um diese Wohnung noch zu verschönern, hing ich über die Couch mein Bild von der Golden Gate Bridge bei Nacht auf. Im Schlafzimmer hin schon mit Coca Cola und den Simpsons. Und damit war auch die Dekoration für die Wand erledigt. Die Kartons baute ich auseinander und stellte sie erstmal in den kleinen Abstellraum, den es hier auch gab. Damit wäre schon mal halbwegs alles eingerichtet. Fehlen nur noch die Gardinen und Vorhänge.
Nun stand ich erstmal da und war am rätseln, wie ich das am besten anstelle. Doch am Ende waren auch die Vorhängestangen fest angebohrt an der Decke. Die Vorhänge hingen auch schon und somit konnte ich den Raum schön verdunkeln. Bei den Gardinen ging es schneller. Dort musste ich nichts Bohren.
Danach fegte und wischte ich den Boden. Alles stand nun genau so, wie ich es haben wollte. Ein gemachtes Bett. Alles ist sauber und an seinem Platz. Jetzt kann ich auch endlich Leute einladen, wenn ich welche kennen würde. Morgen wird sich das ganz bestimmt ändern, wenn ich meinen ersten Tag als Kellnerin haben werde. Dann darf ich mir eine hübsche schwarze Schürze umlegen und mit einem Zettel und Stift durch die Gegend laufen. Ich bin mal gespannt, wie das sein wird. Nun aber habe ich erstmal Ruhe für heute und die werde ich genießen, bevor es richtig losgeht. Wer weiß, was für Zeiten noch auf mich zukommen werden.
Beginn eines neuen Lebens
In meiner schicken Wohnung habe ich mich bereits sehr gut eingelebt. Alles hat seinen Platz und sauber war es auch. Nichts stand irgendwo rum, sodass man über Gegenstände fliegen konnte. Viel im Haus war ich auch nicht. Ich stand morgens auf, frühstückte, ging duschen und dann nach draußen um die Stadt zu erkunden. Nachmittags im Restaurant arbeiten. Erstaunlicherweise machte mir das Kellnern spaß. Ich war ständig in Bewegung, bin wirklich vorsichtiger geworden und ließ nichts fallen oder flog über meine Füße. Aber viel war es nicht. Bestellungen aufnehmen, Bestellung abgeben. Essen servieren. Tische sauber machen. Wenn geschlossen wird fegen, wischen und Fenster putzen. Immer darauf achten, dass die Tische ordentlich dekoriert sind und auch genug Pfeffer und Salz darauf stand. Gästen die Karte bringen. Und so was halt. Sehr stressig ist es nicht und Abends war ich noch putzmunter. Trotz das mir alles Spaß macht, habe ich noch niemanden gefunden, mit den ich mein Glück teilen kann. Ich hab einen Brief an meine Mutter geschickt und ihr erklärt, dass ich eine hübsche Wohnung und zwei Jobs habe und ich sie vermisse, doch eine Antwort kam nie zurück. Für mich hieß es dann wohl, dass der Kontakt ganz abgebrochen war. Ich wollte auch schon dort hin fahren, ließ es dann aber lieber sein. Nachher fordert Phil mich noch auf das Haus zu putzen, obwohl ich nicht mehr dort wohne. Auf meine Anrufe reagierte sie genauso wenig. Man merkt schon, dass sie keinen Kontakt will. Nicht mal meine allerbesten Freundinnen gingen an ihr Handy dran. Ihnen waren wohl andere Sachen wichtiger. Auch wenn keiner Kontakt haben möchte, bin ich relativ glücklich. Allein lässt es sich super leben. Und ich werde ganz sicher nicht bei ihnen auf Knie angekrochen kommen und um Verzeihung bitten. Diesen Gefallen tu´ ich keinem, denn dafür liebe ich mein neues Leben zu sehr.
An einem Arbeitstag war ich dem mysteriösen Unbekannten begegnet. Mit einer kleinen Schwarzhaarigen und dazu die funkelnden blauen Augen von ihr. Ich hab es ja gewusst, dass er eine Freundin hat. Mir stachen tausend Messer ins Herz. Liebend gern wäre ich heulend aus dem Restaurant gerannt. Und zu meinem Glück musste ich die auch noch bedienen, was ich dann überhaupt nicht mehr witzig fand. Den ganzen Abend habe ich sie beobachtet und tauchte öfters am Tisch auf, als mir lieb war. Immer hatte ich gefragt, ob alles in Ordnung sei. Er blickte mir intensiv in die Augen und die kleine Elfe musterte mich ganz genau. Später kam noch die Empfangsdame Rosalie Hale an deren Tisch und umarmte den Kerl. Allein diese Geste machte mich eifersüchtig. Am liebsten würde ich ihr den Hals umdrehen. Niemand soll ihn anpacken. Meine Chancen waren gleich Null, trotzdem träumte ich lieber davon, dass er Single ist und auch mich abfährt. Hin und wieder blickte er auch nach mir und beschämt senkte ich immer den Kopf und drehte mich um. Als er dann bezahlt hatte, gab er mir ein großzügiges Trinkgeld von zweihundert Dollar. Die Trinkgelder hier waren nie wenig und am Ende hatte man schon mal so um die zweihundert bis vierhundert Dollar zusammen.
Natürlich musste ich Rosalie am nächsten Tag sofort fragen, wer denn dieser Mann ist und bei seinen Namen erschrak ich ein wenig. Zachary David Alexander Efron. Der Sohn vom Doktor. Das würde dann auch erklären, warum ich ihn im Krankenhaus getroffen habe. Aber um mich nicht selber zu verraten, beließ ich es bei der einen Frage. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser kleine Zwerg bei ihm war und in welchem Verhältnis Rosalie und er zueinander stehen. Ich war mir aber sicher, dass die Kleine seine Freundin ist. Soweit ich von Rose erfahren habe, ist sie in festen Händen bei einem anderen Mann und ich glaube nicht, dass sie fremd gehen würde. Dafür ist sie viel zu nett und aufgeschlossen. Man konnte sich super mit ihr unterhalten, aber meine Lebensgeschichte erzählte ich ihr nicht. Eher belanglose Dinge, die nicht ganz so persönlich sind oder Sachen, die nicht so wichtig sind wie Hobbys oder Musikgeschmack. Wenigstens hatte mein Unbekannter schon mal einen Namen. Ob ich ihn noch öfters sehen würde? Ich hoffe es. Seine Blicke an dem Abend gingen mir einfach nicht aus dem Kopf. Er starrt mir hinterher, wenn er sich unbeobachtet gefühlt hat. Und wenn er seinen Kopf mal nicht gerade auf mich gerichtet hatte, starrte ich ihn an und wie immer sah er perfekt aus. Der schwarze Anzug stand ihm sehr gut. Und seine bronzefarbenen Haare standen in alle Richtungen ab. Manchmal strich er unbewusst mit seiner Hand dadurch. Meistens wenn er lachte. Worüber er wohl gelacht hat? Die haben sich ganz sicher über mich unterhalten und sich über mich lustig gemacht. Oder er hat kein einziges Wort über mich verloren. Er hätte leicht Rosalie danach fragen können, wer ich bin. Das interessierte ihn bestimmt nicht. Ich war sicher nur sein nächstes Opfer für das Bett und versuchte mit mir zu flirten, damit ich auf ihn rein falle. Aber nicht mit mir. Aber was wusste ich schon von ihm? Er könnte vergeben sein. Er könnte aber genauso gut ein Macho sein, der jeden Tag eine andere Frau hat. Ich kannte nur seinen Namen und sein Aussehen. Mehr aber auch nicht. Also konnte ich mir auch keinen Eindruck über ihn machen, außer das er verdammt gut aussieht. Sie alle sehen verdammt gut aus. Der Arzt, Zachary, Rosalie und dann die schwarzhaarige Elfe und allesamt waren blass. Bei der Sonne hier ungewöhnlich, aber ich bin ja selber auch sehr blass. Er hätte mich so leicht am Abend ansprechen können und ich gehe auch nur meinen Job an. Mit Gästen zu flirten ist verboten. Selbst reden ist untersagt. Man soll nur die höflichen Fragen wie: Hat es ihnen geschmeckt. Waren sie zufrieden. Möchten sie noch etwas haben und all diese Fragen stellen. Private Sachen sind verboten. Und warum musterte mich seine kleine Freundin oder gewisse Regeln. Schwester Kathrin meinte nur, dass das die gemütlichste Station ist, da man hier nur schwangere Frauen und kleine Säuglinge liegen hat. Tagsüber kümmern sich die Mütter selber um die Sprösslinge und wir hätten dann nicht so viel zu tun. Sie vielleicht nicht, ich schon. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das einfach werden würde. Auch Schwangere haben ihre Bedürfnisse und brauchen Hilfe. Als ob sie ganz selbstständig alles erledigen könnten. Dann würden sie garantiert nicht im Krankenhaus liegen. Denn ich kenne keinen, der freiwillig in so einem Schuppen geht.
Jedenfalls war dieser Tag mehr zur Einführung. Arbeiten brauchten wir noch gar nicht. Und dann kam diese Frau, die Zachary sehr ähnlich sah. Nur mit karamellfarbenen Haaren und herzförmigen Gesicht. Sonst sind das die originalen Züge von Zachay. Dieselben Augen, dieselbe Nase und derselbe Mund. Und der Name verriet schon alles. Esme Efron. Sicher seine Mutter. Doch es wäre zu unhöflich gewesen, hätte ich sie wer das auch immer war? Warum kann er nicht endlich aus meinem Kopf verschwinden? Es ist zum Haare raufen. Nicht zuletzt raubt er mir auch meine Konzentration. Er raubt mir alles. Meinen Atem, mein Herz, meine Sinne. Überall hat er sich rein geschlichen.
Mein erster Arbeitstag im Krankenhaus und um halb sechs drehte sich in meinem Kopf alles um diesen Zachary. Und der Gedanke sollte noch sehr verstärkt werden. Ich hatte vor der Station - wie auch noch eine weitere Auszubildende - auf die Stationsschwester gewartet. Natürlich wurde man erstmal herzlich willkommen geheißen und wir haben dann unseren Spint gezeigt bekommen, der in den nächsten Jahren uns gehören würde. So konnte ich wenigstens Wechselkleidung mitbringen und dort duschen gehen, da ich danach ja zum Restaurant fahren muss. Dann haben wir sämtliche Dinge erklärt bekommen und auch gleich am ersten Tag gefragt, ob sie einen Sohn hat und ob Dr. Efron ihr Mann ist. Wie viele wohl noch von deren Schönheit rum läuft?
Ich war heilfroh, als ich Abends nach Hause kam. Mir taten nur ein wenig die Knochen weh, immerhin lief ich den ganzen Tag und hatte kaum gesessen. Heute war es sehr ruhig im Restaurant und die Trinkgelder waren diesmal nicht so groß. Viele Reiche waren wohl woanders unterwegs. Im Urlaub in der Sonne oder auf irgendwelchen Festivals. Im Krankenhaus hatten wir ja auch nicht viel gemacht. Aber mir gefiel die Station. Und dann diese Familie Efron, mit der ich wohl noch so einiges zu tun haben werde. Dr. Efron ist mein Chef, Esme Efron ist die leitende Hebamme auf der Station. Und dann ist da noch deren Sohn, der mir nicht aus dem Kopf gehen will und den ich jedes Mal vor Gesicht habe, wenn ich auch nur seine Mutter – falls sie es wirklich sein sollte – sehe. Sollte ich sie – wenn das Vertrauensverhältnis etwas gestiegen ist – mal nachfragen, ob das ihr Sohn ist und was er so macht? Ein paar unwichtige Fragen über ihn stellen und vor allem die Wichtigste: Ob er noch zu haben ist. Wieder erwischte ich mich dabei, wie ich mir Hoffnungen mache. Selbst wenn er ein alleinstehender junger Mann ist, würde er niemals so eine wie mich nehmen. Höchstens als Putzfrau, aber nicht für mehr. Er ist sicher bessere Kreise gewohnt. Allein sein Vater soll schon ein sehr erfolgreicher Arzt sein und das diese nicht wenig verdienen, weiß jeder. Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, muss ich ihn ansprechen – falls ich nicht zu feige dafür sein werde, was bei mir gut passieren kann. Liebe ist so schön, tut aber weh. Nichts kommt so, wie es kommen soll.
Peinlicher Auftritt
Soo.. dieses Kapitel ´widme´ ich Tia &nd Michelle. Ich hoffe mal, dass ihr heute gaanz viel Spaß zusammen habt (:
Mein Leben hatte sich perfekt zusammengefügt. Beide Jobs machten mir sehr viel Spaß. Im Krankenhaus war jeden Tag viel los und durch meine ruhige Art konnte ich selbst nervöse Schwangere beruhigen. Man hatte uns schon gesagt, dass wir früher oder später auf einmal eine Besichtigung im Kreissaal bekommen, wenn jemand entbindet. Eigentlich ist dies nicht ganz mein Fall, da jeder seine Privatsphäre haben sollte, doch es gehörte auch zu meiner Aufgabe, das Baby zu pflegen, während die Mutter sich mit ihren Mann erholt. Und Esme war die einzige Hebamme, sodass sie auch auf Hilfe angewiesen ist. Nun ja, man kommt sich fast so vor wie eine Frauenärztin. Nachschauen, wie weit der Muttermund geöffnet ist oder wie die Wehenfrequenzen sind. All das halt. Trotzdem machte es Spaß zu wissen, dass man anderen dabei helfen kann. Und die Chance zu sehen, wie ein neues Leben geboren wird bekommt auch nicht jeder. Aber noch ist es nicht soweit. Bisher weiß ich das nur von Erzählungen. Und ich bin schon gespannt, wie es sein wird. Doch sicherlich wird das nicht in nächster Zeit passieren, da gerade mal ein Monat vergangen ist. Vielleicht in einigen Monaten.
Im Restaurant war es ziemlich ruhig. Sicher waren die Schönen und Reichen alle im Urlaub auf den Kanaren oder wo anders in der Sonne. Als gäbe es hier nicht genug davon. Zumindest war ich mit den paar Sonnenstrahlen sehr zufrieden. Sie wärmten einen, man kam aber nicht ins Schwitzen. Aber sie können sich das auch erlauben, in den Urlaub zu fliegen. Ich muss arbeiten gehen und meine Brötchen verdienen. Aber wenn alles Spaß macht, ist es halb so wild. Schlimm sind die Minuten, in denen ich an Zac Efron denke. Er hat mir eine komplette Gehirnwäsche verpasst. Anfangs konnte ich Nachts sehr gut schlafen, doch nachdem ein Rhythmus eingetroffen ist, schlich er sich wieder vor meine Augen und hielt mich von meinem Schlaf ab. Diesen Typen werde ich etwas erzählen, wenn ich ihn demnächst treffe. Nein, werde ich nicht. Er kann schließlich nichts für sein Aussehen. Selbst in zerschlissenen Klamotten würde er noch super aussehen. Allein sein Gesicht in einer Teenie-Zeitschrift reicht aus und sämtliche Mädchen würden sich bei ihm melden. Keiner soll ihn auch nur angucken. Das können die machen, wenn ich bei ihm komplett unten durch bin. Eigentlich gab es nie die Möglichkeit, sich genauer kennenzulernen, da wir uns erst zweimal gesehen haben. Und das auch nur rein zufällig. Nun ja, von Zufall kann beim Zusammenstoß nicht die Rede sein. Das zweite Treffen war eher Zufall und dort durfte ich nicht mit ihm sprechen. Verdammt. Kann er nicht mal in der Stadt auftauchen und mich ansprechen? Ich rede mir immer dasselbe ein und auch immer kommt dasselbe dabei raus. Er würde mich nicht ansprechen. Er würde mir nicht mal die Chance geben. Seine Blicke galten nicht mir. Er hatte wahrscheinlich nur ein freudiges Ereignis gehabt. Deswegen strahlten seine Augen.
Ich holte mir in der Krankenhauscafeteria einen Kaffee und ein belegtes Brötchen und setzte mich an ein Fenster. Schaute man raus, sah man den Park mit dem Teich. Viele Kois schwammen darin und auch genug Enten und Schwäne beschlagnahmten den See. Manche landeten auf dem See, andere standen in Mengen um die Menschen herum, da sie getrocknetes Brot für die haben und sie damit füttern. Andere spielten lieber im Wasser und schnappten nach einander.
„Hallo Vanessa.“, flüsterte eine sorgende Frauenstimme. Ich schaute auf und sah Esme in ihrer vollen Pracht. Wie kann man solch prachtvolle Kleider nur zur Arbeit anziehen? Ich saß hier vollkommen in den Arbeitsklamotten und hatte nicht mal eine anständige Jeans oder ein T-Shirt an.
„Hallo Mrs. Efron.“
„Darf ich mich setzen?“ Ich zeigte zustimmend auf den Platz mir gegenüber, den sie sofort für sich beschlagnahmte. Sie war eine angenehme Gesprächspartnerin und oftmals hatte sie schon versucht etwas über mein Leben herauszufinden. Was mich in diese Stadt getrieben hat. Was meine Eltern beruflich machen. Ob ich Familie habe. Solche Fragen, die mir sehr unangenehm sind. Keine davon habe ich je beantwortet, doch sie gab nicht auf. Anscheinend möchte sie zeigen, dass man ihr vertrauen kann und so kommt sie mir auch vor. Aber für persönliche Fragen reicht es nicht aus.
„Wie war dein Tag bis jetzt?“
„Ganz entspannend.“, erwiderte ich ganz stumpf. Was sollte ich auch schon darauf erwidern? Entspannend war der Tag ja, gelogen ist es nicht. Doch für leichte Konversationen war ich nicht in Stimmung.
Still schweigend nahmen wir unser Frühstück zu uns. Was soll man auch groß bereden? Ich war schon immer ein stiller Mensch, dem nie irgendwelche Fragen einfielen oder Themen, über die man reden konnte. Mir war die Stille viel lieber. Und sie schien es wohl bemerkt zu haben, dass ich nichts über mich preisgebe. Ich schaute einfach weiter nach draußen und beobachte die Menschen. Kleine Kinder – die mit ihren Eltern Verwandte oder einen Elternteil besuchen – hüpften auf den Rasen rum. Enten quaken oder schnappten nach Brotkrümeln, andere Patienten gingen spazieren.
Plötzlich störte etwas meine Sicht. Eine große Gestalt. Wer war zu uns gekommen? Die Frage hat sich aber schnell erledigt, als Esme sprach.
„Hallo.“, grüßte sie die Person und ich drehte mich blitzschnell um. Und da stand er. Ausgerechnet er. Wieso macht man mir jetzt auch noch am Arbeitsplatz die Hölle heiß? Reicht es denn nicht schon, dass ich wegen meiner Liebe zu ihn schon schlaflose Nächte habe?
„Hallo.“, sagte er ebenfalls zuckersüß und zwinkerte mir zu. Oh Gott, wie peinlich. Und doann blieb der Krümel Brot in meinem Hals stecken, dass ich auch noch einen Hustenanfall bekam. Mein Kopf lief knallrot an und der glühend heiße Kaffee verbrannte mir die Zunge. Das muss ja auch ausgerechnet mir passieren.
„Zac, du sollst die Mädchen nicht so aus der Fassung bringen.“ Dann schein ich wohl nicht die Erste zu sein, wenn seine Mutter so von ihm sprach. Hätte ich mir auch denken können, dass er auch vielen anderen die Köpfe verdreht.
„Und wer ist die reizende hübsche Lady?“, wandte er sich nun wieder an mich und grinste noch breiter, als ich es für möglich hielt. Auf seinem ganzen Gesicht war ein Lächeln ausgebreitet.
„Entschuldigung. Aber die einzige hübsche Lady, die ich gerade sehen kann, ist ihre Mutter.“, beantwortete ich seine Frage gerührt, weil er mich hübsche Lady genannt hat. Natürlich wurde ich noch röter im Gesicht durch seine Aussage. Er muss eindeutig etwas mit den Augen haben. Ob er schon beim Augenarzt war? Jedenfalls sollte er dringend dort hin.
Da wünsche ich mir, ich würde ihn nochmal begegnen und nun wo es passiert ist wünsche ich mir, er würde wieder verschwinden und mir die ganze Peinlichkeit ersparen.
„Ich sehe nur deine funkelnden Schokoladenaugen.“ Wenn ich bisher dachte, schlimmer kann es nicht mehr kommen, dann habe ich mich sehr geirrt. Er wusste genau was er macht. Gleich werde ich von meinem Platz unter dem Tisch sinken und auf alle Vieren davon krabbeln, um ihm nicht mehr ins Gesicht blicken zu müssen. Hätte er sich nicht den Nachmittag aussuchen können, um seine Familie zu besuchen? Und sein lieber Vater ist auch gerade zur Tür hinein. Ich muss mich schleunigst hier weg setzen, bevor die Panik äußerlich sichtbar wird.
Leider war es für meinen Fluchtversuch viel zu spät. Zachary setzte sich neben mich und schaute mich immer noch durchdringend an. Wie können solche Augen nur so tief wirken? Als könnte man in seine Seele sehen.
„Und? Wie heißt du?“
„Zac. Lass das arme Mädchen in Ruhe. Sie muss gleich noch arbeiten.“, ermahnte Esme ihn, doch er schien seiner Mutter nicht zuzuhören. Nein, sein Blick brannte förmlich auf meinem Gesicht. Was soll ich sagen? Wie soll ich mich verhalten? Nun, wo er neben mir sitzt, kann ich nicht mehr aus dem Fenster schauen. Nein. Ich blöde Kuh starre ihn auch noch an. Er hat Gefallen daran, mir war es einfach nur peinlich und erniedrigend. Atme tief durch, Nessa. Du hast nichts zu befürchten.
„Ich heiße Vanessa.“
„Vanessa …“, sprach er meinen Namen genüsslich für sich aus. „Hübscher Name. Passend für eine so wunderschöne Frau, wie dich.“ Ich drehte verlegen meinen Kopf zur Seite und senkte meinen Blick. Er soll mich nicht so anschauen. Man, warum kann der Tag nicht um sein? Wieso haben wir erst halb zehn am Morgen? Und ich habe eine Stunde Pause, wovon erst fünfzehn Minuten um sind.
Der Doc kam mit seinem Tablett zu unseren Tisch. Musste denn nun die ganze Familie Efron hier sitzen, während ich dabei bin?
„Guten Tag die Damen.“, sagte er ganz höflich und grinste. Seinem Sohn nickte er einmal zu und setzte sich dann neben seine Frau. Lasst mich doch hier raus. Würde es sehr blamierend für mich sein, wenn ich unter dem Tisch zum Gang krabbel´ und dann schnellstens weg renne? Was soll ich denn nur machen? Ich war so ahnungslos und so viel Schönheit vertrag ich ebenfalls nicht. Heute Abend werde ich sicher vor meinem Spiegel stehen und denken, wie scheiße ich doch aussehe.
„Miss Hudgens. Schön sie wiederzusehen. Wie gefällt ihnen die Arbeit?“
„Sie ist sehr aufschlussreich. Und seinen Spaß hat man hier auch.“ Aber nicht in diesen Moment. Normal hätte ich gerne meine Ruhe gehabt, doch die kann ich nun vergessen.
„Vanessa macht sich ganz gut und ist eine sehr fleißige Angestellte.“, bestätigte Esme nun auch meine Arbeit. Die können ja gerne über mich reden, aber bitte nicht, wenn ich anwesend bin. Noch peinlicher ist es, dass Zac neben mir sitzt und anscheinend immer näher an mich rückt und gleich auf meinen Schoß sitzen wird. Sein Blick lag immer noch auf mein Gesicht. Kann er seinen Blick nicht in eine andere Richtung lenken? Nach links zu der Verkäuferin oder nach vorne in die Gesichter seiner Eltern? Muss er mich auch noch vor seinen Eltern blamieren? Dem Jungen ist aber auch nichts zu Schade.
„Nun Vanessa. Du arbeitest doch im Restaurant des Hilton Hotels, oder?" Zac weiß das doch schon. Wieso fragt er dann nach? Aus Langeweile war ich an dem Abend ganz sicher nicht da.
„Ja, ich arbeite dort.“
„Wieso hast du den zwei Jobs? Bezahlt dir mein Vater zu wenig.“ Er warf einen verstohlenen Blick zu seinen Vater. Doch schnell lag sein Blick wieder auf meinem Gesicht.
„Das geht niemanden etwas an.“ Nun ja, es klang sehr unfreundlich und bockig, obwohl ich es höflich sagen wollte. Ich hab halt ein paar Probleme und die beinhalten neugierige Jungs, die nicht ihre Klappe halten können.
„Oh, ´tschuldigung. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“ Ja, dass wäre auch besser so, denn schließlich war er der Grund für all meine hormongesteuerten Gedanken und die dazu gehörigen schlaflosen Nächte. Stur schaute ich auf mein Sandwich, welches ich nun nicht mehr anbeißen werde. Nachher verschlucke ich mich wieder oder mache peinliche Schmatzgeräusche. Oder noch schlimmer: Er schaut mir dabei zu. Das kann ich nicht leiden. Jeder sollte beim Essen seine Ruhe haben oder den anderen wenigstens nicht auf den Mund starren. Und da Zac mich die ganze Zeit anblickt, würde er mir wahrscheinlich beim Kauen noch zugucken. Mir würde es noch passieren, dass mir das Essen aus dem Mund kommt. Ich bin ja schon froh, dass er mit mir – mehr oder weniger – sprach. Normal hätte ich von ihm gedacht, dass er abhaut. Aber vielleicht saß er auch nur hier, weil seine Eltern uns gegenüber saßen. Bestimmt wissen seine Eltern nicht, was für ein schlimmer Junge er ist. Vor ihren Augen ist er ganz sicher immer der brave Sohn.
Esme und Dr. Efron verließen die Cafeteria, da beide einen Notfall hatten. Nun saß ich mit Zac ganz allein hier. Und eine halbe Stunde Pause hatte ich noch vor mir. Mich anlächelnd saß er mir nun gegenüber. Unvermeidlich musste ich zurück lächeln. Dieser Typ war ansteckend.
„Nun Vanessa. So begegnet man sich wieder.“
„Mir kommt es schon so vor, als würdest du es darauf anlegen.“
„Woher sollte ich denn gewusst haben, dass du im Krankenhaus arbeitest? Geschweige denn im Restaurant? Es sind meine Stammplätze. Ich esse oft dort und hier besuche ich öfters meine Eltern während der Mittagspause.“ Klingt logisch. Woher sollte er denn auch gewusst haben, wo ich arbeite? Er könnte mir nachspioniert sein. Aber das trau´ ich nicht mal ihm zu.
„Du sagst ja gar nichts.“, bemerkte er. Was soll ich auch sagen? Das ich zu schüchtern bin um meine sämtlichen Fragen über ihn zu fragen? Oder ich mich einfach dafür schäme mit einem Jungen zu reden?
„Äh … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Wie lange dauert deine Pause?“
„Ich habe noch eine halbe Stunde.“ Verdammt. Ich hätte sagen sollen, dass meine Schicht gleich wieder beginnt. Dann wäre ich ihn früher los geworden. Aber werde ich ihn jemals wiedersehen? Es könnte heute meine einzige und auch zugleich letzte Chance sein, ihn ein wenig auszufragen.
„Fangen wir bei einem leichteren Thema an. Wie alt bist du?“
„Achtzehn, beinahe neunzehn. Und selbst?“ Er grinste mich an. Wieder verschlug es mir den Atem. Das macht er doch absichtlich.
„Auf welches Alter würdest du mich schätzen?“ Wollte er einfach nur, dass ich ihn mir genauer anschaue? Das machte ich bereits die ganze Zeit. Ich konnte meine Augen einfach nicht von ihm lösen. Er sah einfach atemberaubend aus und jetzt kommt auch noch seine höfliche Art hinzu. Er schmeichelt mir ziemlich mit Komplimenten und netten Gesten. Und wenn er dann wieder mit seiner Hand durch seine Haare strich. Hinzu kommt, dass er eine angenehme Wärme und einen gut riechenden Duft ausstrahlt.
„Zwanzig?“, riet ich einfach mal darauf los. Für einen kurzen Moment entwichen ihn die Gesichtszüge, doch kurz darauf lächelte er wieder. So fand ich ihn viel attraktiver.
„So alt hat mich noch niemand geschätzt.“ Er schien deswegen ganz schön gekränkt zu sein. Und er wirkt auch so erwachsen, dass man ihn locker auf zwanzig schätzen kann. Ich lang anscheinend weit daneben.
„Ich bin gerade erst neunzehn geworden.“
„Aha.“, meinte ich nur und nahm einen Schluck Kaffee. Toll, allein fallen mir zich Fragen ein, die ich ihm stellen könnte. Jetzt saß ich ihn gegenüber und mein Gehirn will nicht arbeiten. Er dagegen scheint mehr Kontrolle über seinen Körper zu besitzen, obwohl sein Grinsen keine Sekunde verschwand. Nicht mal sein klingelndes Handy interessierte ihn. Aber ich sprach ihn auch nicht darauf an, sonst wird er mir noch abhauen und das möchte ich nicht.
„Als du im Restaurant warst, hattest du Begleitung von einer schwarzhaarigen Frau. Wer war das?“
Wieso nur habe ich ihn diese Frage gestellt? Sicher wird jetzt eine schmerzhafte Antwort kommen, die ich eigentlich nie hören wollte. Was bin ich doch für ein kleines Dummerchen.
„Meine Schwester.“ Jetzt war ich ein wenig überrascht. Seine Schwester? Der Größenunterschied ist gewaltig und auch sonst andere Äußerlichkeiten. Sie hatte schwarze Haare. Die kann sie dann weder von Esme noch Dr. Efron haben. Hmm.
„Schwester?“, hakte ich nochmal vorsichtig nach. Ich konnte das kaum glauben.
„Eigentlich meine Adoptivschwester. Doch wir leben als richtige Geschwister zusammen und verstehen uns auch super. Sie kam gerade vom College nach Hause, deshalb sind wir essen gegangen. Zu uns beiden kommt dann noch mein Adoptivbruder Emmett, der mir der reizenden Empfangsdame Rosalie zusammen ist.“ Deshalb kennt Rosalie auch die beiden. Sie war also mit seinem Adoptivbruder zusammen.
„Bist du auch adoptiert?“
„Nein. Ich bin das einzige leibliche Kind. Nach meiner Schwangerschaft konnte Esme keine Kinder mehr bekommen, sodass sie Emmett und Alice adoptierte. Sie sind älter als ich. Unser großer Teddybär – wie wir ihn nennen – ist einundzwanzig und unser kleiner Gartenzwerg zwanzig.“ Er erzählt mir gerade Geschichten und Einzelheiten von seiner Familie, als wären wir schon jahrelang miteinander befreundet. Blind vertraute er mir alles an. Ich könnte das nicht. Obwohl etwas in seinen Augen war. Eine Art Beschützerinstinkt der mir sagte, dass ich bei ihn in Sicherheit bin und mich geborgen fühlen kann.
„Hast du … also … bist du in festen Händen?“ Irgendwie war es erleichternd diese Frage gestellt zu haben, obwohl ich die Antwort eigentlich nicht so richtig wissen will. Bestimmt werde ich gleich enttäuscht werden.
„Nein. Ich bin ein freier Mann, der tun und machen kann was er will.“ Wow, er war wirklich noch zu haben. Ein Adonis der sein ganzes Wesen ausstrahlt ist alleinstehend. Er scheint auch keine Interesse an Beziehungen zu haben, wenn ich mir seinen letzten Satz in Erinnerung rufe. 'Tun und machen kann, was er will.' Ob er einer von dieser Sorte war? Ich werde es herausfinden.
Meine ganze Schüchternheit hat sich in Luft aufgelöst und ich wurde so langsam warm darin, ihn auszufragen. Jede Frage ist eine Ablenkung, damit er keine Fragen über mich stellt. Soweit darf es noch nicht kommen. Die Vertrauensbasis ist bei mir noch nicht da. Bei ihn anscheinend schon, wenn er einfach mal so sein Leben erzählt. Aber ich sage kein Wort weiter. Schließlich ist das ja vertraulich und ich möchte ihn nicht abschrecken. Zum Schluss hatte ich mich so sehr in seinen Augen verloren, dass ich nicht mal mehr die Zeit mitbekam, bis Zac mich darauf aufmerksam machte. Man hat leider nicht ewig Zeit. Ob ich ihn wiedersehe? Schnell verabschiedete ich mich von Zac - der mir einen Handkuss gab - und rannte dann nach oben zur Station.
Dinner for Two
Wie viel sich doch innerhalb eines Monats verändern kann. Da bekomme ich eine Wohnung und zwei Jobs – was ich heute noch nicht fassen kann – und dazu treffe ich dreimal denselben Unbekannten und man lernt sich kennen. Ich habe gedacht, dass das in der Cafeteria eine einmalige Sache war. Von wegen. Jeden Tag kam er um dieselbe Zeit her und seine Eltern ließen uns allein sitzen, anstatt uns Gesellschaft zu leisten. Anfangs war mir das noch ein wenig unangenehm, weil ich ihn überhaupt nicht kannte. Hinzu kam, dass ich von ihm dachte, er sei ein Macho, der nur alle Frauen vernaschen will. Anscheinend habe ich mich sehr in ihm getäuscht. Seiner Meinung nach, hatte er bisher noch nie eine Freundin oder auch nur eine Affäre oder eine einmalige Sache. Ich hielt es für unglaubwürdig. Weil es mich misstrauisch machte, hatte ich seine Eltern danach gefragt – was eigentlich sehr unhöflich ist, wo Dr. Efron doch mein Chef ist, er nahm es aber mit Humor. Sogar Rosalie hatte ich gefragt. Und jeder bestätigte es mir, dass es noch nie eine Frau in seinem Leben gab und es alle überraschte, dass er so viel Zeit mit mir verbringt. Anscheinend muss ich etwas ganz besonderes sein, wovon ich selber aber nicht überzeugt bin. Jeden Tag kam er, setzte sich zu mir und lächelte mich zu verführerisch an. Immer standen seine Haare zu allen Seiten ab und seine hübsche glockenhelle, dennoch männliche Stimme verschönerte mir meinen Tag. Seit einer Woche geht er so weit und bringt mir sogar eine Rose mit. Jeden Tag eine Neue und immer eine andere Farbe. Und seine Eltern sahen alles. Peinlich kann ich dazu nur sagen. Unsere kurzen Treffen in der Krankenhauscafeteria hatten aber ihren Zweck. Ich lernte viel von Zac kennen. Er hat 3 Namen.. Zachary, David und Alexander. Er ist sehr talentiert würde ich sagen – immerhin schreibt er seine eigenen Kompositionen und spielt sie auch noch fließend auf seinem Klavier. Noch dazu ist er ein Streber – ein gutaussehender. Wenn man ihn sich äußerlich anschaut, würde man das nicht denken. Außerdem hat er eine sehr offene und liebenswürdige Art – von wem er das wohl hat? Abgesehen davon ist er einfach nur süß. Und das schöne ist, er wird hier studieren am Colorado College Musik studieren und ich könnte ihn weiterhin sehen. Von Tag zu Tag verliebte ich mich mehr in ihn. Leider wusste er aber so wenig aus meinem Leben. Bisher habe ich es nicht über das Herz gebracht, ihn von meinen früheren Leben zu erzählen. Oft fragte er mich danach, doch ich wich seinen Fragen immer aus. Irgendwie möchte ich es nicht erzählen. Wie würde er auf meine Geschichte reagieren? Er hält mich für gestört, weil das Ereignis noch nicht solange her ist und ich das noch verarbeiten muss. Dabei habe ich dieses Thema hinter mir gelassen. Ändern kann man das was geschehen ist nicht mehr. Und ich liebe mein neues Leben viel zu sehr, um es jetzt aufzugeben. Ich hatte nicht nur meine Pausendates mit Zac, sondern auch eine gute Freundin in Rosalie gefunden. Sie ist ein Engel und versteht mich und sagt auch ihre ehrliche Meinung. Abends nahm sie sich die Zeit und kam meist noch auf einen Kaffee mit zu mir. Sie war auch die Erste – und bisher auch Einzige –, der ich meine Geschichte erzählt habe und sie war ziemlich entsetzt darüber, wie man einem Menschen so etwas antun kann. Noch mehr empörte sie es, dass es auch noch das eigene Kind war. Darauf habe ich ebenfalls noch keine Antwort gefunden, wie man einem Menschen so etwas antun kann. Mir war es mittlerweile auch egal. Eigentlich bin ich jedem dankbar dafür, dass sie mich hierher getrieben haben. Ohne diese Entscheidungen, hätte ich niemals diese netten Menschen hier kennengelernt. Vor allem nicht Zac. Was er wohl für mich fühlt? Ohne Zweifel kann ich von mir behaupten, dass ich ihn liebe. Nicht nur sein Aussehen, auch seine verständliche und zuversichtliche Art. Er weckt die Hoffnung in mir. Hoffnung, dass ich alles schaffen werde. Die Erkenntnis, dass ich nicht allein sein muss. Er schafft es auch jedes Mal, mich zum Lachen zu bringen. Ich freue mich schon richtig drauf, ihn wieder zu sehen. Doch erstmal muss ich den Samstag überstehen. Besser gesagt einen Teil davon. Heute Abend sehe ich meinen Engel wieder. Ein gemütliches Date zu zweit in meiner gemütlichen Wohnung mit einem Essen, bei dem Rosalie mir helfen möchte. Man sieht es mir äußerlich nicht an, aber ich bin ziemlich nervös. Das erste richtige Treffen außerhalb eines Krankenhauses und mit wesentlich mehr Zeit als nur einer Stunde. Und dann auch noch in meiner Wohnung, ganz allein. Was alles passieren kann. Darüber habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Angeblich hat er ja darauf bestanden, dass wir uns in meiner Wohnung treffen, weil bei ihm zu viel Trubel los wäre. Doch vielleicht hat er eine andere Absicht. Mord, Verführung oder vielleicht will er mir einfach nur auf höfliche Weise sagen, dass ich nicht sein Typ bin und er keine weiteren Dates mehr möchte. Abservierung – das wird es wohl sein. Er hat bemerkt, wie viel er mir bedeutet und möchte das nun beenden, bevor es ernst wird und für mich zu verletzlich ist. Ich muss absagen. Was habe ich mir nur dabei gedacht, ihn in meine Wohnung einzuladen? Man hätte vielleicht in ein Restaurant oder ins Kino gehen sollen, wie es andere Jugendliche machen. Aber er möchte gleich mit mir allein sein, ohne, dass uns jemand stören kann. Wieso habe ich seine Frage auch nur mit einem >>Ja<< beantwortet? Warum habe ich seinem Vorschlag zugestimmt, dass wir uns bei mir treffen? Wieso habe ich dann noch vorgeschlagen, dass ich etwas für uns kochen werde. Ich bin so dumm. Ob es bereits zu spät ist abzusagen? Was soll ich nur machen? Gibt es eine Möglichkeit das Date sausen zu lassen? Ich brauche Hilfe. Jemanden, der eine gutaussehende Tatsache schon hinter sich hat.
Prompt wählte ich Rosalies Handynummer im Telefon ein. Wenn mir einer helfen kann dann sie. Ich kenne Emmett zwar nicht, doch wenn Mr und Mrs Efron ihn adoptiert haben, kann er nur gut aussehen. Rosalie besitzt aber auch nicht so wenig Selbstvertrauen wie ich. Sie ist selber schön und hat keine Probleme hübsche Männer abzubekommen.
„Nessa, was gibt es denn?“, fragte sie etwas überrascht. Im Hintergrund hörte ich eine sehr aufgedrehte Stimme.
„Ich brauche dringend deine Hilfe.“, beantwortete ich ihre Frage panisch.
„Erstmal solltest du dich beruhigen. Ich bin auf den Weg nach dir. Setz schon mal den Kaffee auf, stell den Kuchen auf dem Tisch und dann kannst du die Tür öffnen, denn ich bin in drei Minuten da.“ Oh Gott, ich hatte gar nicht auf die Zeit geachtet. Ich muss ja noch aufräumen.
„Okay, bis gleich.“, meinte ich noch schnell und legte auf. Sofort eilte ich ins Schlafzimmer und häufte meine schmutzige Wäsche. Dann mache ich schnell das Bett und mein Fenster los. Die Schmutzwäsche brachte ich noch schnell ins Badezimmer und schon klingelte es.
Ich drückte auf den Knopf, damit die Tür unten los geht. Ich brauchte nicht nachfragen, wer da steht, schließlich weiß ich es ja. Ich schaltete eben noch die Kaffeemaschine an und holte das Gebäck aus dem Kühlschrank und legte es säuberlich auf einen Teller und stellte den auf dem Wohnzimmertisch hin. Man hatte einfach nicht genug Zeit. Hat man es eilig, vergeht die Zeit wie im Flug und sonst langweilt man sich zu Tode.
Es klopfe an der Tür und ich machte auf, stand aber etwas verdutzt da. Hinter ihr waren gleich drei weitere Personen. Die eine erkannte ich wieder. Die kleine Elfe aus dem Restaurant – seine Schwester Alice. Und dann noch zwei gutaussehende Männer. Den einen erkannte ich von Rosalies Foto wieder. Er muss dann wohl Emmett – sein Bruder sein. Er wirkte auf mich ziemlich bullig. Dass sein T-Shirt nicht zerreißt, wegen der ganzen Muskelmasse, wundert mich. Dahinter tauchte noch ein blondhaariger großer Mann auf. Den kannte ich noch nicht.
„Hey, Nessa. Ich habe noch ein paar Leute mitgebracht.“ Ja, das sieht man und wie sie mich anstarren. Alice hüpfte leicht auf und ab, um mich genauer betrachten zu können. Der große Dunkelhaarige hatte ein ziemlich freches Grinsen im Gesicht und der andere sah einfach nur distanziert aus.
„Kommt rein.“, bat ich alle. Wenn Rosalie ihnen vertraut, werde ich das auch mal tun. Man wird meine Bude schon nicht in Kleinholz zerhacken. Außerdem war es mir unangenehm an der Tür zu stehen.
Wir gingen direkt ins Wohnzimmer. Rosalie setzte sich sofort auf die Couch und auch die beiden Männer nahmen platz. Doch der kleine aufgewühlte Gartenzwerg – wie Zac sie gerne nennt –, musste sich erstmal in der Wohnung umschauen. Ein Glück, dass ich vorher noch alles weggeräumt habe und vom Wohnzimmer aus hatte ich einen guten Eindruck auf sie.
„Was möchtet ihr trinken? Wasser, Saft, Kaffee?“ Bei Rosalie kannte ich die Antwort schon. Sie trank meistens nur Kaffee. Aber die anderen drei kenne ich ja nicht.
„Warte einen Moment.“, sagte Rosalie und rief dann Alice zu uns. „Also das ist Alice, Zacs Schwester.“ Ja, das wusste ich auch schon. „Der starke Mann neben mir mein Freund Emmett und zugleich Zacs Bruder.“
„Hey.“, sagte er und grinste so breit, dass man seine perfekt modellierten weißen Zähne sehen konnte. Das machte einen ein bisschen angst, wenn man seine bullige Gestalt mit in Betracht zieht. Doch durch seine Grübchen die er besaß wirkte er ein wenig harmloser.
„Und der blonde gutaussehende Junge Mann ist Jasper. Alice Freund und zugleich mein Zwillingsbruder.“
Er winkte mir nur zu und richtete dann seinen Blick über das Bild über dem Fernseher. Vielleicht hätte ich das Bild abhängen sollen. Es war eins von Playboy. Doch es hing lediglich da, weil ich das Häschen so schön finde und nicht aus sexuellen Gründen. Aber Männer denken sicher etwas anderes. Ganz sicher hatte jeder von den beiden so ein Heft schon in der Hand.
„Ich bin Nessa.“, warf ich in die Runde.
Sofort kam eine Antwort von Emmett. „Wissen wir alle. Zac redet unaufhörlich von dir. Da wollten wir uns unbedingt mal die Frau anschauen, die es schafft, seinen Kopf zu verdrehen und ihn aus der Bahn zu werfen.“
„Auf jeden Fall. Er schwärmt so richtig von dir. Von nichts anderes redet er. Du hast ihn ganz schön den Kopf gewaschen. Er hat sich ganz schön verändert, seit er dich gesehen hat.“, fügte Alice noch hinzu. Ich verdrehe ihm also den Kopf? Wegen mir hat er sich verändert. Doch in welcher Hinsicht?
„So. Wie war er denn vorher?“
„Ein ziemlicher Langweiler. Hing in seinem Zimmer über den Schreibtisch gebeugt und machte brav seine Hausaufgaben. Las viele Bücher und ging mit unseren Eltern spazieren.“ Das klingt sehr nach einem Streber. Aber welcher normale Jugendliche geht mit seinen Eltern spazieren? Nicht mal ich habe daran teilgenommen, weil sie mir einfach auf die Nerven gingen. Doch bei Esme und Dr. Efron kann ich mir das nicht vorstellen. „Saß an seinem Klavier oder hörte einfach nur Musik. Und jetzt springt er förmlich durchs Haus. Er strahlt über beide Ohren und seit er dich kennt macht er Sport. Zehn Jahre lang konnte ich ihn nicht dazu bewegen, ein bisschen Sport zu treiben. Kaum kennt er dich, will er mit Muskeltraining anfangen. Hey, das ist nicht mehr mein Bruder.“
Ob er extra wegen mir Sport macht um noch besser auszusehen und sich ein paar Muskeln anzutrainieren? Der Gedanke gefällt mir, wenn er es wirklich für mich machen sollte. Aber Emmett nahm anscheinend kein Blatt vor dem Mund.
„Und heute hüpfte er gut gelaunt durch das Haus und sang nur fröhlich vor sich hin, dass er dich heute treffen wird.“, meinte Rosalie. So, er freute sich mich zu treffen. Steckt vielleicht doch noch mehr hinter diesen unglaublichen Mann, als ich bisher raus finden konnte? Das hebt doch meine Laune etwas und nun freue ich mich darauf, ihn zu sehen. Egal, dass wir hier allein sein werden. Ist auch viel schöner, als wenn ein Restaurant oder ein Kino voll besetzt ist und man sich gar nicht unterhalten kann.
„Ich möchte nicht unhöflich sein. Aber möchte jemand etwas trinken?“
„Die Männer brauchen ausreichend Wasser. Sag bitte, dass du keine Cola hast.“, sagte Alice, packte sich meine Handgelenke und schüttelte sie. Hoffnungsvoll sah sie mich an.
„So etwas besitze ich nicht. Nein.“
„Du vermittelst keinen guten Eindruck auf deinen zukünftigen Schwager.“ Hatte Emmett zukünftigen und Schwager gesagt? Jetzt ist mir der Appetit doch ein wenig vergangen und ich würde am liebsten sofort Zac anrufen und ihm sagen, dass das Date heute ausfällt. Wer weiß, was wirklich seine Absichten sind und ich kann doch nicht einfach so seine Geschwister fragen.
Ich machte es mir einfach. Erstmal stellte ich noch zwei Stühle um den Tisch und holte dann fünf Gläser und stellte von jedem Getränk eine Flasche auf den Tisch. Soll sich jeder selber etwas nehmen. Da Alice auch ohne Koffein schon sehr hibbelig wirkte, gab ich ihr besser keinen Kaffee, sondern schenkte nur Rosalie und mir eine Tasse ein. Ganz ehrlich, wenn jemand etwas haben möchte, kann er sich auch melden.
„Zac muss dich besonders mögen.“, sagte Alice und musterte mich wieder. Was plante sie gerade? Mich machten ihre Blicke sehr nervös. Als würden sie mich genaustens abchecken, ob ich auch für ihren Bruder gut genug wäre. Und ich könnte ihnen die Antwort direkt sagen. Nein, ich bin für niemanden gut genug. Mich sollte keiner haben, schon gar nicht so ein Mann wie Zac, der jede haben kann und sicher auch eine hübschere Frau, die ihn anbeten würde.
"Ach ja? Wie kommst du darauf?“
„Ich weiß es. Wir reden oft miteinander. Aber er ist nicht nur sehr fröhlich, sondern auch gleichzeitig am verzweifeln. Er wird dir heute Abend sagen, warum.“ Super. Geschwister sind Verbündete. Niemand verrät etwas und sie planen alles unter sich. So werde ich nie etwas herausfinden, was mir heute Abend vielleicht helfen könnte. Sagen seine Geschwister das vielleicht nur so, dass er mich mag um mich nicht zu sehr zu verletzen. Aber warum sollten sie für ihn lügen? Weiß er überhaupt, dass seine Geschwister hier sind und die beiden über ihn reden? Ich schätze nicht.
„Was empfindest du denn für meinen Bruder?“
„Ich wüsste nicht, dass es dich etwas angeht, Emmett.“, sagte ich ganz höflich. Nur leider brach er ins Gelächter aus, als sich mein Gesicht rot färbte. Muss ich mich denn immer verraten. Nun wusste natürlich jeder Bescheid, was ich für Zac empfinde.
„Das ist Aussage genug.“
„Emmett, lass das arme Mädchen in Ruhe. Sie kann doch nichts dafür. Nun, Nessa. Wozu hast du mich hierher bestellt und was ist dein Problem?“
„Das Problem hat sich erledigt und ich brauche deine Hilfe beim kochen. Emmett und Alice können uns sicher dabei helfen. Sie wissen genau, was Zac gerne mag.“ Jetzt strahle Alice. Helfen ist anscheinend ihre Leidenschaft. Oder die Oberhand zu übernehmen, denn sie lief in meine Küche und nahm sich die Schürze vom Haken und begann sofort die Schränke zu durchwühlen.
„Um das Kochen brauchen wir uns jetzt keine Sorgen mehr machen und wenn dir dein Leben lieb ist, Nessa, dann bleibst du lieber hier sitzen und gehst Alice nicht dazwischen.“, warnte mich Rosalie. Oh je, die Kleine muss ja sehr schlimm sein. Und was soll ich in der Zwischenzeit machen?
Meine Frage wurde mir abgenommen. Rosé sah mir einmal ins Gesicht, stand auf und zog mich gleich an der Hand mit ins Schlafzimmer. Ihr Ziel: Mein Kleiderschrank. Sie durchwühlte ihn und warf mir Sachen zu, welche ich anziehen sollte. Vor dem Zimmer hörte ich nur den Fernseher und die Töpfe klimpern.
„Rose? Warum hast du die drei mitgenommen? Sie sind alle sehr nett, doch ich habe eigentlich nur mit dir gerechnet.“
„Sie wollten dich unbedingt kennenlernen.“, warf sie ein, während sie weiterhin im Kleiderschrank wühlte. „Ist es schlimm, dass ich sie mitgebracht habe?“
„Nein. Schon okay. Und was machst du da?“
„Dir Klamotten für heute Abend raus suchen. Zac wird übrigens einen schwarzen Anzug mit Krawatte anhaben. Dafür hat Alice gesorgt.“ Dafür sorgen, dass jemand gut gekleidet ist, tut sie auch. Dann bin ich mal gespannt wie er in seinem Anzug aussehen wird. Bestimmt hinreißend. Doch von mir aus hätte er in normalen Klamotten kommen können. Heut zu Tage braucht man bei einem Date doch keinen Anzug mehr tragen. Es ist nur ein Essen und ins Restaurant gehen wir nicht mal.
„Das ist es.“, meinte Rosalie plötzlich und hielt mir mein dunkelblaues Satinkleid, welches mir nur bis zu den Knien geht und auch recht freizügig ist, hin.
„Das offenbart doch zu viel.“
„Quatsch. Es ist genau passend und deine Schultern wirst du doch wohl zeigen können.“
Alice kam zur Tür hinein. Den Kochlöffel in der Hand und wild damit am herumfuchteln, als würde sie gleich jemanden eine Predigt halten wollen und ihn anschließend damit den Hintern versohlen.
„Hier streitet sich jemand wegen einem Kleid?“
„Nessa ist der Ansicht, dass das zu freizügig ist.“ Sie hielt es Alice vor der Nase, die gleich sofort strahlte, aber meinen Kleiderschrank abschätzend begutachtete.
„Wir müssen unbedingt shoppen gehen.“
„Ich hab nicht so viel Geld um mir sämtliche Kleider kaufen zu können. Ruf mich in zehn Jahren noch mal an, wenn ich etwas mehr auf dem Konto habe.“ Shoppen war nicht meine Leidenschaft und ich gehe auch nicht mit jedem einen Stadtbummel machen. Und anscheinend ist Alice genau die Falsche dafür. Ich kann mir Alice schon bildlich beim Shoppen vorstellen.
„Papperlapapp. Wir gehen eines Tages zusammen shoppen. Rosalies Freunde sind auch meine und mit denen gehe ich shoppen. Punkt. Aus. Ende.“
„Ihr zu widersprechen lohnt sich nicht, Nessa. Du solltest auf sie hören. Man kann ja mitgehen, muss sich aber nicht unbedingt etwas kaufen. Dein Budget lässt es ohnehin nicht zu.“
„Eben. Jeder einzelne Cent ist bei mir wichtig.“
„Werde erstmal Zacs Ehefrau und dann besitzt du Geld ohne Ende, was du dann ausgeben kannst.“ Während Rosalie und Alice darüber lachten, verschluckte ich mich an meinem eigenen Speichel. Erst meinte Emmett etwas mit Schwägerin und jetzt kommt Alice auch noch damit an. Ich und Zacs Ehefrau? Geht es denn noch? Wir haben uns doch gerade erst kennengelernt. Wir sind nicht mal zusammen und die beiden reden schon von einer Hochzeit. Wer sagt denn überhaupt, dass Zac mich auch nur als Freundin wählen würde? Anscheinend ist sich Alice so sicher und kennt ihren Bruder wohl sehr genau, dass sie gleich behaupten kann, dass es zur Trauung kommen wird.
„Mal eine Frage. Hatte Zac jemals eine Freundin?“
„Er hat Frauen nicht mal angeschaut. Meine Verkupplungsversuche gingen mächtig daneben und irgendwann habe ich es aufgegeben. Eine Zeit lang dachte ich sogar, er sei Homosexuell und dann machte ich mir Sorgen, dass etwas nicht mit ihm stimmt.“, meinte Alice und verschwand dann wieder aus dem Zimmer. Wahrscheinlich will sie weiter kochen und was soll ich machen? Meine Gäste müssen für mich schon die Arbeit machen. Nein, ich hatte gar nicht die Chance dazu etwas selber zu machen. Alice bediente sich sofort in meiner Küche und ich schenke Rosalies Worten Glauben. Demnach zufolge kann ich mich nicht in der Küche blicken lassen um zu helfen. Und meine bildhübsche Freundin sucht für mich die Abendgarderobe heraus. Und was machen die Männer? Sitzen anscheinend vor dem Fernseher und rufen ab und zu >>Yeeeaahhhhhh<< und >>Scheiße<< oder >>Ooooohhhhhhh<<. Männer und Sportsendungen. So etwas habe ich mir nie angeschaut, da mich Sport kein bisschen interessiert. Vielleicht sollte ich für Zac Sport machen, damit er mich attraktiver findet. Schließlich macht er ja auch Krafttraining für mich, um mich besser beeindrucken zu können.
Rosalie hatte mir jetzt ein Kleid auf das Bett gelegt und dazu sogar noch Unterwäsche. Ihre Worte: Man weiß schließlich nie, wie weit der Abend noch geht und was auf einen zukommt. Ich hatte ganz sicher nicht vor, mit ihm in die Kiste zu steigen. Nicht mal küssen würde mir in den Sinn kommen. Es ist nur ein Date. Man isst und redet miteinander. Vielleicht schaut man sich noch eine DVD an. Aber mehr nicht. Auf keinen Fall. Alice hatte Zacs Lieblingsspeise vorbereitet. Hoffentlich fragt er sich nicht, woher ich das weiß oder kommt auf die Idee, dass ich ihn hinterher geschnüffelt habe. Es war Schaschlik mit Reis, dazu Ciabatta und ein gemischter Salat. Rose, Emmett, Jasper und ich saßen währenddessen auf der Couch und schauten uns Harry und Sally an. Emmett meinte nur so, dass er es erkennen würde, wenn eine Frau einen Orgasmus vortäuscht. Rosalie warf mir natürlich gleich einen wissenden Blick zu, dass er es nicht immer erkennt. Nach dem Film sollte ich duschen gehen und das machte ich auch. Nur in Unterwäsche und Bademantel ging ich ins Schlafzimmer, wo Alice und Rosalie an mir hantierten und mich schminkten und mir eine Hochsteckfrisur verpassten. Um halb acht sah ich also perfekt aus und um acht würde Zac kommen. Ich verabschiedete mich dann von den Leuten und musste mir gleich anhören, dass Emmett und Alice noch öfters vorbeikommen werden. Bei Emmett hatte ich eher das Gefühl, dass er sich gut über mich lustig machen kann, weil ich so oft rot wurde und über meine Beine flog. Bei Alice ist es eher das Gefühl, dass sie jemanden zum Anziehen und Schminken braucht und ich ein leichtes Opfer bin. Jetzt kann ich Zac auch verstehen, wenn er meint, dass Gartenzwerge ganz schön nervig sind. Alice ist zwar nur in Maßen nervig – es gibt wesentlich Schlimmeres –, aber einen nerven tut es trotzdem.
Viertel vor acht. Mein Schlafzimmer war in kompletter Ordnung. Den Saustall, den die Jungs veranstaltet haben mit Chip-Tüten - die Alice ihnen aus meinen Schrank gegeben hat -, habe ich auch schon beseitigt. Alles war ordentlich. Geputzte Fenster, Fußboden so sauber, dass man davon essen könnte, Tisch war reichlich gedeckt. Das Essen habe ich auch mittlerweile wieder aufgewärmt und war im Topf am köcheln. Der Reis dürfte gleich fertig sein. Ich wurde langsam echt nervös. Vor wenigen Monaten hätte ich mir niemals ausmalen können, dass ich bald ein Date haben werde. Was mach ich denn nur? Was ist, wenn ich mich total blamiere, weil mir Essen auf dem Schoß kleckert? Oder ich mich verschlucke? Er wird mich dann nie wieder sehen wollen. Viel schlimmer, er wird den Kontakt sogar ganz abbrechen und mich nie wieder anrufen. Ich könnte damit nicht leben. Ich will ohne ihn nicht leben. Bin ich dumm. Meine Hoffnung, dass aus Zac und mir was werden könnte, war so groß, dass ich mir gleich sämtliche Dinge ausmale. Ich kann gegen die Liebe nicht ankämpfen. Sie ist einfach gekommen und mit jeden Treffen wächst sie. Mein Herz gehört nur noch Zac. Einen anderen Mann will ich es nicht schenken. Mir gingen die Worte von seinen Geschwistern und Freunden einfach nicht aus dem Kopf. Noch nie hat er eine Frau angeguckt. Seit er mich gesehen hat, strahlen seine Augen vor Glück. Er dreht sie zu Hause schon durch, weil er ununterbrochen von mir redet. Damit treibt er jeden in den Wahnsinn. Gott sei Dank sprachen mich bis jetzt seine Eltern noch nicht darauf an. Könnte peinlich werden. Hoffentlich weiß noch niemand im Krankenhaus, dass ich mit dem Sohn vom hübschen Arzt und seiner Frau ausgehe. Würde mir das im Beruf Probleme bereiten? Man müsse sich nur mal vorstellen, wenn Zac und ich wirklich zusammen sein würden und es fände dann eine Trennung statt. Ich könnte nicht mehr unter den Augen von seinen Eltern treten. Mir wäre die ganze Situation so peinlich, dass ich wahrscheinlich kündigen würde. Vielleicht sollte ich erstmal an mein Leben denken, bevor ich mich ernsthaft auf eine Beziehung einlasse. Soweit wird es sowieso nicht kommen. Er mag mich vielleicht, aber nicht mehr. Er redet von mir, aber das hat keine gravierende Bedeutung.
Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es nur noch fünf Minuten bis acht Uhr sind. Ich servierte das Essen schon mal auf einen Teller. Da der Tisch so hübsch geschmückt war und Alice auch an alles gedacht hatte, damit es romantisch wirkt, stand auch eine Kerze darauf. Ich zündete sie an. Schnell machte ich noch die Küche sauber und packte alles Dreckige in die Spülmaschine. Gut, alles war sauber. Mein Kleid hatte ich in Ordnung gebracht, jetzt muss nur noch der Mann auftauchen. Und wenn man vom Teufel spricht, klingelte es schon an der Tür. Ich öffnete und hörte unten nur noch den Fahrstuhl. Schnell stellte ich noch die Teller auf dem Tisch. Nun ist alles perfekt. Fehlt nur noch der Mann dazu.
Es klingelte. Ich stand gerade im Bad und hatte mir schnell und grob noch mal die Zähne geputzt. Ein kurzer Blick im Spiegel verriet mir, dass ich gut aussehe. Ein weiteres Mal klingelte es. Ich wollte nicht so unhöflich sein und schreien, dass ich gleich kommen werde, wie ich es sonst getan hätte. Eine besondere Person stand vor der Tür und den schreit man nicht mal durch eine Tür an.
Natürlich konnte ich es nicht verhindern, dass ich durch meine Hast über meine Füße stolperte – genau gegen die Arbeitsplatte von der Küche. Fängt ja schon mal gut an und ein ungeduldiger Zac stand vor der Tür und klingelte Sturm. Jetzt kann ich mein gutes Aussehen wohl vergessen. Die Schuhe sind dran schuld. Man hätte mir niemals High Heels anziehen dürfen. Sie lagen nur zur Reserve in meinem Schrank. Ein Date ist eigentlich schon eine Ausnahme. Ich darf jetzt nicht zu viel fluchen, sonst würde mein Traumlover gleich wieder abhauen. Nur ein Glück, dass es nur noch eine Armlänge von der Tür entfernt war. Abstützend lief ich in kleinen Schritten dahin, warf einen Blick in den Spiegel, der an der Wand hing und öffnete dann die Tür. Sofort legte Zac ein breites Lächeln auf seinem Gesicht. Dieser Mann ist göttlich. Wie gern ich ihn doch berühren würde. Falscher Gedanke, Vanessa.
„Hallo. Kommt doch rein.“, bat ich ihn, doch er blieb an der Türschwelle stehen, als hätte er einen unangenehmen Geruch bemerkt oder etwas gefalle ihm nicht.
„Du siehst bezaubernd aus.“ Oh ja, das kann man von Zac auch sagen. Der Anzug schmiegte sich perfekt an seinem Körper und würde ich das wahre Alter nicht kennen, würde ich ihn glatt auf Mitte Zwanzig schätzen. Leider konnte ich es nicht unterdrücken, dass sich meine Wangen rot färbten und mein Blut anfing zu pulsieren.
„Danke.“, nuschelte ich vor mich hin und schaute zu Boden. Ich schloss die Tür und drehte mich zu Zac um, der mir auf einmal einen dicken Strauß Rosen hinhielt. Okay, jetzt sah ich ganz sicher aus wie eine Tomate. Ein Glück aber auch, dass gerade Tomatensaison war. Und zum zweiten Mal an diesem Abend bedankte ich mich. Dann holte er auch noch eine Rotweinflasche hervor.
„Hast du sie aus dem Vorratsschrank deiner Eltern geklaut? Alkohol bekommt man unter einundzwanzig nicht, soweit ich weiß.“
„Kann schon sein.“, grinste er vor sich hin. Der Mann steckt voller Überraschungen. Klaut er eine Flasche Wein von seinen Eltern. Kaum zu glauben. Nicht, dass ich demnächst Ärger von meinen Chef bekomme, weil sein Sohn Diebstahl begeht. Schnell holte ich aus dem Schrank noch Weingläser und stellte sie auf dem Tisch.
Während er sich in meiner kleinen, bescheidenen Wohnung umschaute, stellte ich die Rosen in eine Vase und diese wiederum stellte ich auf den Wohnzimmertisch. Jetzt hatte die Wohnung wenigstens ein bisschen Farbe.
„Hübsche Wohnung.“
„Leider konnte ich mir nicht viel anschaffen von meinem Geld. Erstmal muss das Schlichte hinhalten.“ Ich glaube, unbewusst hatte ich mich gerade verraten. Ob es ihn aufgefallen war? Ganz sicher, denn er zog eine Augenbraue hoch, legte seine Stirn in Falten und betrachtete mich verwirrt.
Ich führte ihn zu seinem Platz hin. Ganz Gentleman zog er mir den Stuhl zurück, nur um ihn dann wieder vor dem Tisch zu schieben, während ich mich hinsetzte. Dann setzte er sich mir gegenüber und bei dem Anblick des Essens, welches mittlerweile kalt sein muss, grinste er.
„Was gibt es denn zum Grinsen?“
„Nichts. Wusstest du, dass das, was auf dem Teller liegt, meine Lieblingsspeise ist?“ Das habe ich mittlerweile von deiner Schwester erfahren. Aber dass sie hier war, samt seinem Bruder und deren Partner, brauche ich ihn ja nicht erzählen.
„Wirklich? Muss dann wohl Zufall gewesen sein, dass ich mich für dieses Gericht entschieden habe.“ Meine Lüge fiel natürlich sofort auf. Etwas schien bei ihm Klick zu machen, doch was es genau war, kann ich nicht sagen.
Er verteilte Wein in den Gläsern. Ich darf nur nicht zu viel Trinken. Eigentlich trinke ich nie etwas, aber das ist ein besonderer Abend und ich möchte ihn nicht durch meine Abneigung gegenüber Alkohol verderben.
„Meine Schwester war also hier?“
„Was hat sie verraten?“, interessierte ich mich. Wenn er das schon bemerkt, soll er auch eine erklärende Antwort geben.
„Das Essen. Meine Schwester macht zusätzlich noch ein wenig Curry mit rein und den rieche ich heraus. Außerdem dein sehr gutes Aussehen. Ich habe mittlerweile mitbekommen, dass du eher auf Jeans und T-Shirts stehst.“
„Man wird sich für den Abend doch schick machen dürfen. Aber ich möchte dich nicht anlügen. Rosalie hat deine Geschwister und dazu noch Jasper mit hierhin genommen. Du hast mich erwischt. Alice hat gekocht und dafür gesorgt, dass der Tisch schön gedeckt ist. Sie und Rosalie haben dafür gesorgt, dass ich heute so aussehe.“ Super. Anlügen konnte ich ihn nicht und jetzt kommt auch noch heraus, dass ich nicht selber gekocht habe und mich nicht mal selber einkleiden kann. Er wird mich für unnützlich halten.
„In den Fängen meiner Schwester sollte man nicht geraten. Sie kann dann ein kleines Biest werden. Du darfst ihr nie erlauben, eine Party zu organisieren. Sie wird dann zu einem Monster. Von A bis Z plant sie alles. Und gebe ihr gegenüber niemals deine Meinung ab. Das könnte sie dir sehr übel nehmen. Ich habe mir schon einige Backpfeifen eingehandelt und Emmett kann ein Lied davon singen.“ Er stellt seine Schwester gerade als ziemlich brutal hin. So schlimm war sie heute nun doch nicht. Liegt aber vielleicht daran, dass ich sie erst heute kennengelernt habe. Sie hat zwar schon gezeigt, wer hier der Chef ist und wer seine Klappe zu halten hat, aber damit kann man leben. Es muss also wirklich etwas anderes sein, wenn man mit ihr zusammen lebt. Das werde ich nie herausfinden.
„Und sie haben dich nicht zufällig angerufen und dir gesagt, dass sie heute bei mir waren?“
„Nein. Was wollten sie denn hier?“
„Mich kennenlernen und mir sagen, dass du ziemlich verrückt nach mir bist.“ Ich hatte es geschafft. In mir jubelte es. Seine Wangen färbten sich rot und eigentlich war es doch für mich eine Bestätigung. Er ist verrückt nach mir. Kommt nur noch drauf an wie verrückt. Und dabei haben sie es nicht so direkt gesagt. Aber ich möchte auch keine langen Reden halten, um ihn zu erzählen, was seine Geschwister und Freunde über ihn gesagt haben.
„Haben sie das wirklich gesagt?“, fragte er geschämt.
„Nicht so direkt jedenfalls. Wollen wir nicht essen? Sicher ist das Essen schon kalt.“ Er schaute mich nicht an, sondern nahm sich nur seine Gabel und sein Messer und fing an zu essen. Er schämte sich richtig. Was habe ich nur veranstaltet? Jetzt muss Zac wegen mir leiden, weil ich etwas weiß, was ich eigentlich nicht wissen sollte. Vielleicht verrate ich ihm ja ein kleines Geheimnis von mir. Mal schauen. Ich könnte ihn zum Beispiel erzählen, wieso ich wirklich in Colorado Springs bin und bräuchte diesen Fragen nicht mehr ausweichen. Wäre doch bestimmt ein großer Vertrauensbeweis. Doch erstmal sollten wir in Ruhe essen.
Das Essen schmeckte köstlich. Seine Schwester hat ein gutes Händchen dafür. Dagegen schmecken meine gekochten Gerichte wie Dreck.
„Kannst du auch so gut kochen?“, wollte ich von ihm wissen.
„Ehrlich gesagt, gar nicht. Meine Schwester hatte einfach nur eine gute Lehrerin. Esme ist ebenfalls eine fabelhafte Köchin und beide gehen mit Leidenschaft daran. Kannst du denn kochen?“
„Ich habe all die Jahre für meine Familie gekocht und nun verpflege ich mich auch allein. Ja, ich kann kochen. Aber meins schmeckt ganz sicher nicht so gut wie das von Alice.“
„Werde ich es eines Tages zu probieren bekommen?“ Auf keinen Fall. Dann haut er mir ja sofort ab. Ich bin froh, dass ich soweit gekommen bin. Dann will ich ihn doch nicht gleich vergiften.
„Vielleicht.“
„Du meintest vorhin, dass du dir wegen dem Geld nicht viel anschaffen konntest. Was genau meintest du damit? Hast du Geldprobleme?“ Ich wusste, dass es diesen Abend noch kommen wird. Wie soll ich das Zac nur erklären? Am besten kurz und knapp. Auf Details habe ich keine Lust. Doch bevor ich anfange zu reden, räumte ich den Tisch ab und steckte das Geschirr und Besteck in die Spülmaschine und machte sie an.
„Wo soll ich am besten anfangen?“
„Am Anfang.“, riet er mir, dabei hatte ich die Frage mehr an mich gerichtet als an ihn. Am Anfang. Wo war der Anfang?
„Ich habe keine Geldprobleme. Als ich hier her zog, hatte ich ein gewisses Startkapital. Ich wurde von meinem Stiefvater aus dem Haus geworfen und meine Mutter setzte sich nicht für mich ein. So wohnte ich also ein paar Tage in einem Motel und machte noch die Schule zu Ende. Mein ehemaliger Direktor verabschiedete mich einen Tag früher. So machte ich mich dann am selben Tag noch auf den Weg nach Colorado Springs, wo ich für eine Nacht in einem Motel wohnte. An dem Freitag bekam ich zwei Jobs. Einmal die Lehrstelle im Krankenhaus und den als Kellnerin im Restaurant. Kurz darauf fand ich auch diese Wohnung. Nun ja, ich hatte nicht sehr viel Geld bei mir. Es hat gerade mal für die Einrichtungen gereicht. Ein wenig liegt noch auf dem Konto. Aber es hat jetzt nicht für teure Möbel gereicht.“ Jetzt war meine Rede doch etwas länger als geplant und es tat auch gut, dass Zac endlich mal ein wenig aus meinem Leben weiß. Ich hätte es ihn nicht ewig verschweigen können. Nun war es raus.
„Wieso haben sie dich aus dem Haus geworfen?“ Ihn schien das wohl ziemlich zu interessieren. Was kann an einer langweiligen Lebensgeschichte so interessant sein? Sie dient höchstens als Gute-Nacht-Geschichte, um einen sofort in den Schlaf zu wiegen.
„Seiner Meinung nach bin ich einfach nur ein faules undankbares Kind. Ich hatte den ganzen Haushalt geschmissen. Geputzt, gekocht, Wäsche gewaschen. Mein Tag sah immer gleich aus. Schule, Haushalt, kochen und essen, duschen und dann Hausaufgaben. Wenn ich dann fertig war, ging ich meistens schlafen. Doch das ist nun alles Vergangenheit und ich bin mit meinem neuen Leben sehr zufrieden. Ich habe mir innerhalb weniger Tage ein komplett neues Leben aufgebaut. Selbstständig nach Arbeit und einer Wohnung gesucht. Von meinem eigenen Geld Möbel gekauft und das Haus eingerichtet.“
„Das ist bemerkenswert. Das schafft nicht jeder in deinem Alter.“ Er hatte anscheinend ziemlich Respekt davor, dass ich alles allein auf die Füße gestellt habe. „Ich schaffe es nicht mal mein eigenes Zimmer ordentlich zu halten.“, gab er zu und senkte seinen Blick auf den Tisch. Mich stört so etwas nicht. Ich räume gerne auf. Ich liebe die Ordnung. Man weiß, wo man etwas findet und wo es hingehört. Man erspart sich stundenlanges Suchen. Und ganz sicher würde ich es auch schaffen, einen Zac Efron zu einem Ordnungsfreak zu machen.
„Haben deine Geschwister eigentlich damit recht, dass du verrückt nach mir bist?“
„Äh … schon .. also ja.“ Ob er genauso verunsichert ist wie ich? Ich hatte nun meine Bestätigung. Er aber nicht. Aber liebte ich ihn ausreichend um ihn schon sagen zu können, dass ich auch ihn sehr mag? Fakt ist, er verdrehte ebenfalls meinen Kopf. Ich ließ den Satz lieber unbemerkt.
„Wir kennen uns ja nun schon etwas länger und ich habe da mal eine Frage. Warst du schon einmal so richtig verliebt?“
„Wenn du wissen willst, ob ich jemals eine Freundin hatte, dann nein. Ehrlich gesagt, ich habe noch gar keine Erfahrungen gesammelt. Das, was ich im Moment durchlebe, ist das erste Mal. So etwas habe ich noch nie gefühlt. Auf einmal ist dir die Welt völlig egal, du hast nur noch Augen für die eine Person. Man sieht die Welt mit voller Schmetterlingen, rosa Wolken und jeder Menge Regenbogen. Die Sonne scheint unaufhörlich. Auf einmal nimmt man Dinge und Farben wahr, die vorher für dich noch nicht existiert haben. Man steckt voller Energie, dass man sie einfach raus lassen will. Durch Singen oder Tanzen. Oder mit etwas anderem. Man möchte diese Freude teilen, am liebsten mit dem Objekt der Begierde. Aber mit der Liebe kommen auch Zweifel und viele deprimierende Gedanken. Zum Beispiel: Findet sie mich interessant oder liebt sie mich. Kannst du dir vorstellen, wie es ist, darauf keine Antwort zu wissen?“ Und wie ich das kann. Ich mache mich doch selbst mehr fertig, als das ich die Liebe genieße. Aber er sprach mir aus der Seele. Besser hätte ich es nicht beschrieben können. Doch nur weil er das erklärte heißt es noch lange nicht, dass dieses Paradies durch mich entstand, das die Gefühle mir gelten. Er sagt aber, dass er nach mir verrückt ist, also kann ich davon ausgehen, dass er diese Gefühle durch mich hat.
„Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll.“
„Wie wäre es mit: Ich liebe dich.“, scherzte er und doch war ein ernster Unterton in seiner Stimme. „Natürlich kann ich das nicht von dir verlangen.“ Jetzt war im komplett überfordert. Meine Worte verschwanden alle in das Nichts. Während ich ihn nur etwas verdutzt und zugleich geschockt anschaute, lächelte er, sichtlich froh darüber, dass er es geschafft hat, mir die Sprache zu verschlagen.
„Möchtest du vielleicht etwas trinken?“
„Du brauchst vor diesem Thema nicht wegrennen, Nessa. Es ist okay, wenn du darauf nichts erwidern kannst.“, meinte er wieder, nur diesmal stand er auf und ging zur Tür. „Vielleicht ist es das Beste, wenn ich jetzt gehe. Du scheinst sehr durcheinander zu sein. Ordne deine Gefühle und Gedanken. Ich fand den Abend ganz schön, wirklich. Ich hoffe, wir können das wiederholen. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, Nessa.“ Mit diesen Worten verschwand er aus der Tür und ließ mich verwirrt hier sitzen. Er wartete auf kein Abschiedswort. Seiner Meinung nach bin ich einfach zu aufgewühlt. Ich bin mir meinen Gefühlen für ihn sehr bewusst, aber ich konnte es nicht sagen. Wer weiß, was dann als nächstes gekommen wäre. Jetzt hatte ich ihn verloren, nur weil ich ihm meine Gefühle nicht sagen konnte, während er seine Preis gab. Würde ich ihn nach dieser Aktion wiedersehen oder hatte ich ihn nun ganz vergrault? Für ihn muss es wohl so ausgesehen haben, dass ich keine Gefühle zeige. Der Abend war wirklich schön, bis auf das Ende, welches durch mich zerstört wurde. Nun hab ich es ganz vergeigt. Ich werde ihn nie wieder sehen. Nie wieder ein Wort von ihm hören. Nie wieder Rosen von ihm bekommen und auch nie wieder einen Satz von ihm lesen. Sicher hat er mich schon aus seinem Adressbuch aus dem Handy gelöscht. Ich muss ihn zutiefst verletzt haben. Seine Stimme hatte sich nicht so angehört und er zeigte auch keine Regung, die auf Schmerz hindeuten könnte, aber ich konnte es aus seinen Worten heraus hören. Bin ich dazu verdammt, ewig allein sein zu müssen? Da verliebe ich mich und hoffe, dass aus uns etwas werden könnte und dann verjag ich ihn auch noch. Liebe ist schmerzhaft. Und seinen Schmerz habe ich bei ihm ausgelöst. Das ist nicht wieder gut zu machen. Er wird mir niemals verzeihen. Würde ich ihn jetzt anrufen, würde er mich wegdrücken. Es wird großen Stress mit Emmett und Alice geben, habe ich so im Gefühl. Alles wegen mir. Weil ich so dumm bin und ihn laufen lasse, anstatt mal ein paar Worte zu sagen. Dumm – das bin ich. Es tut mir so leid, was passiert ist.
Endlich haben wir auch ein [Cover]
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toller anfang...gefällt mir
Vanessa♥♥♥
Verfasst am:
05.04.10 - 13:10
Mitglied seit:
3 Jahre 16 Wochen
Ranking:
toller anfang...gefällt mir total (:
der prolog..wow...echt hammer geschrieben..
klingt aber auch voll traurig..
na ja..ich bin schon gespannt auf den 1. part :)
also...schnell weiter..
und sag mir pls bescheid :)
A real friend is hard to find,
difficult to leave
and impossible to forget!
Also...der Prolog ist schon
Gast
anonymous user
Verfasst am:
05.04.10 - 13:11
Mitglied seit:
42 Jahre 6 Wochen
Ranking:
Also...der Prolog ist schon mal echt toll
hört sich aber auch traurig an ;D
kannst mir bitte Bescheid geben??
wäre echt lieb von dir
lg ♥
das
Gast
anonymous user
Verfasst am:
05.04.10 - 13:13
Mitglied seit:
42 Jahre 6 Wochen
Ranking:
das war voll schön und traurig ich will bescheid
wow
Gast
anonymous user
Verfasst am:
05.04.10 - 13:44
Mitglied seit:
42 Jahre 6 Wochen
Ranking:
wow Kim XD
kannst echt toll schreiben
mach ganz flott weiter :D
lg ♥
wow
Gast
anonymous user
Verfasst am:
05.04.10 - 14:03
Mitglied seit:
42 Jahre 6 Wochen
Ranking:
wow das war boah toll *--* schnell weita
Dankeschön (:
Nessa11295
Verfasst am:
05.04.10 - 14:32
Mitglied seit:
1 Jahr 44 Wochen
Ranking:
Dankeschön (:
Freunde sind wie BHs,
sie lassen dich nicht hängen und
sind immer in der Nähe deines Herzen
__
Michelle+Tia Ich liiiebe euch♥
νσи αℓℓєи νєяℓαѕѕєи
Ich mag's.
Gast
anonymous user
Verfasst am:
05.04.10 - 14:56
Mitglied seit:
42 Jahre 6 Wochen
Ranking:
Ich mag's.
Tollig
Gast
anonymous user
Verfasst am:
05.04.10 - 15:04
Mitglied seit:
42 Jahre 6 Wochen
Ranking:
tollig war wieder das kapitel schnell weiteer
wow
Gast
anonymous user
Verfasst am:
05.04.10 - 15:27
Mitglied seit:
42 Jahre 6 Wochen
Ranking:
wow Kim
du kannst wirklich toll schreiben ;d
mach ganz schnell weiter =)
ld ♥
toll
Gast
anonymous user
Verfasst am:
05.04.10 - 16:46
Mitglied seit:
42 Jahre 6 Wochen
Ranking:
toll schnell weita